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Bauen wie die Schwalben

Lehm ist immer noch einer der wichtigsten Baustoffe der Welt. In Mali stehen mit Moscheen, Bibliotheken oder Patrizierhäusern imposante Baudenkmäler aus dem Ökomaterial. Aber auch für den alltäglichen Hausbau ist Lehm unverzichtbar.

Fotos: Jörg Böthling | Text: Klaus Sieg

Eine weite Ebene am Niger. Am Horizont flimmern die Silhouetten runder Zelte und klappriger Zeburinder. Ein Nomadenkamp im ausgetrockneten Flussbett. Zwischen Juni und Oktober schwillt Afrikas drittgrößter Fluss so breit an, dass man meint am Meer zu stehen; Reisfelder säumen dann seine Ufer. Doch zur Trockenzeit schrumpft der Strom zu überschaubarer Breite. Von seiner  gewaltigen Ausdehnung zeugen nur noch ein paar Rinnsale und Tümpel, durch deren brackiges Wasser Kraniche staksen.

Souleymane Karembe steht neben einem dieser Tümpel. Mit einem Ruck reißt er die Arme hoch. Muskeln und Sehnen spannen sich unter seinem gelben Ronaldinho-T-Shirt mit der Nummer 10. Mit einem dumpfen Klatschen dringt die Hacke in den Boden. Immer wieder lässt Souleymane sie niedersausen. Erst als er ein Feld von der Größe eines Gemüsebeetes aufgelockert hat, hält er inne und wischt sich den Schweiß von der Stirn. 

Es ist erst acht Uhr morgens. Doch in der Trockenzeit steigt das Thermometer in Mali im Sekundetakt. Souleymane und seine Kollegen sind mit ihrer Arbeit längst nicht fertig. Sie streuen Reisspelzen auf den Lehm und gießen Wasser drüber. Dann stampfen sie das Ganze mit den Füßen zu einer Art Baggermatsch, dass es nur so gluckert und schmatzt. Ist der genügend durchgezogen, füllen sie den Matsch mit den Händen in eine rechteckige Holzform und ziehen sie die Lade hoch. Fertig ist der Lehmziegel...

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Lehm ist ein Gemisch aus Kies, Sand, dem Sedimentgestein Schluff und Ton, der das Bindemittel  zwischen den großen Bestandteilen bildet. Lehm trocknet an der Luft ohne Bindemittel  und kann mit Wasser wieder plastisch gemacht werden. Jeder kann ihn mit wenigen Mitteln verarbeiten. Lehm ist fast überall vorhanden, wenn auch in jeder Gegend in anderer Zusammensetzung.
 Lehm ist einer der ältesten Baustoffe der Menschheit. Weltweit lebt noch heute ein Drittel der Menschen in Häusern aus Lehm. Der natürliche Baustoff taugt aber zu weit mehr, als zur Konstruktion einfacher Hütten.
Das größte Lehmgebäude der Welt war die Zitadelle der iranischen Stadt Bam, die in einem Erdbeben vor sechs Jahren weitgehend zerstört wurde. Bedeutende Lehmarchitektur gibt es auch im Südwesten der arabischen Halbinsel, etwa in der jemenitischen Hauptstadt Sana'a mit ihren großflächigen Stadtteilen. Das südjemenitische Schiban wird wegen seiner teils neunstöckigen Hochhäuser aus Lehm als „Chicago der Wüste“ bezeichnet.

Es gibt in Mali Tausende solcher kleinen Ziegeleien.  In dem westafrikanischen Land ist Lehm nach wie vor der wichtigste Baustoff. Eines der bedeutendsten Gebäude aus Lehm steht nur eineinhalb Stunden mit dem Auto entfernt von Souleymanes kleiner Ziegelei. Die Moschee von Djenné ist das größte aus Lehm gebaute Gotteshaus der Welt. Zusammen mit den Patrizierhäusern der Altstadt erkor die UNESCO sie zum Weltkulturerbe. Die Fahrt nach Djenné geht vorbei an vertrockneten Büschen und Gräsern.  Fahrzeuge  sind schon von weitem an ihren Staubfahnen zu erkennen, die sie wie einen flachgelegten Tornado hinter sich her ziehen.

Eine Fähre setzt über einen Seitenarm des Niger nach Djenné. Mehrstöckige Lehmhäuser säumen die Gassen der alten Handelsstadt, verziert mit Türmchen, Zinnen, Ornamenten, Erkern und Säulen. Das Gewirr und Gewimmel in den Gassen erinnert an die Zeiten Kara Ben Nemsis. Tuaregs in blauen Umhängen und hoch gewickelten Turbanen treiben Ziegenherden vor sich her. Frauen in bunten Gewändern tragen Bündel mit Feuerholz auf dem Kopf.  Auf dem Platz vor der Moschee verdichtet sich das Treiben. Es ist Markttag. Getreidesäcke, Hühnerkäfige  oder Kartons mit chinesischen Turnschuhen werden von den Ladeflächen verbeulter Kleintransporter gehievt. Es wird gefeilscht, gelacht, gerufen und geschimpft.

Gotteshaus aus Lehm

über dem bunten Treiben thront schlicht und erhaben die Moschee mit ihren drei mächtigen Türmen. In der Fassade stecken Träger aus Palmholz. Einmal im Jahr, kurz vor der Regenzeit, klettern die Männer des Ortes an ihnen hoch, um mit den Händen den Lehmverputz auszubessern, der in der sengenden Sonne rissig wird. Ein Volksfest für die ganze Stadt. 
Die Mauern der Moschee haben die Dicke von Bunkerwänden. Nicht nur deshalb ist es im Inneren ruhig und kühl. Lehm atmet. Er kann in der Luft enthaltene Feuchtigkeit aufnehmen und bei Veränderung des Raumklimas wieder abgeben. So wirkt der Baustoff wie ein Luftfilter. Mächtige Säulen unterteilen den großen Gebetsraum. Sie sorgen für eine Rasterstruktur aus Licht und Schatten -  und sie schaffen Rückzugsräume für die  Gläubigen. Im Schneidersitz lehnen sie an den Säulen oder liegen zwischen ihnen, meditierend auf Bastmatten.

Die Moschee wurde vor rund 100 Jahren gebaut. Wie kann ein so mächtiges Gebäude aus diesem Material so lange halten? Ohne Stahlträger und Beton? „Das ist alles eine Frage von Konstruktion und Technik.“ Sékou Troré lächelt wissend hinter seiner großen Brille. Der Präsident der Maurergilde von Djenné sitzt vor einer Mauer im Schatten eines Neembaums, nicht weit von Moschee und Marktplatz entfernt. über die Straße hinweg grüßt er Nachbarn. Einer vorbeiziehenden Händlerin kauft er Weintrauben ab, die ein Junge zusammen mit einem Bund Minze für ihn nach Hause zu seiner Frau bringt.Dann drückt er einem jungen Mann einen Geldschein in die Hand, damit der Cola Nüsse für ihn besorgt.

Der Vorsitz der Gilde ist ein wichtiges Amt in Djenné, in ihr sind 155 Maurer organisiert. Die meisten haben ihr Handwerk von ihrem Vater gelernt und geben ihr Wissen an ihre Söhne weiter.Zunächst gibt Sékou Traoré nur  mürrisch Auskunft. Immer wieder streicht er sich über den Kinnbart, der seinem Gesicht einen strengen Ausdruck verleiht. Doch als es um sein Handwerk geht, taut er auf. Der alte Mann  setzt sich in die Hocke und zeichnet mit seinem knochigen Finger Skizzen in den Sand des Trottoirs. Erklärungen über Fundament und Statik von Lehmmauern, verschiedene Dachkonstruktionen oder die richtige Mischung eines Lehmputzes sprudeln aus ihm heraus.  Sékou Traoré hat mit Architekten aus den USA, Italien oder den Niederlanden zusammen gearbeitet.

Lehm als ökologischer Baustoff erfährt in den Industrieländern eine neue Wertschätzung. Davon profitiert  das Mekka des Lehmbaus in Mali.  Baugerüste und frischer Putz an der Moschee und an den Häusern der Altstadt zeugen von reger Instandsetzungstätigkeit in Djenné. Finanziert wird sie von internationalen  Geldgebern,  wie der Aga Khan Stiftung oder der  niederländischen  Regierung. Mali könnte das aus eigener Kraft nicht leisten. Der westafrikanische Staat zählt zu den ärmsten Ländern der Welt.

Touristenattraktion Lehmarchitektur

Reich hingegen ist Mali an spektakulärer Architektur – und das weit über die Grenzen Djennés hinaus. Meist sind es Moscheen, aber auch Bibliotheken oder Patrizierhäuser, die sich mit einem vielfältigen Mix unterschiedlicher Stilelemente von den schlichten quaderförmigen Häusern in den Dörfer und Kleinstädte abheben. Die von rostrot über gelbocker bis hin zu hellgrau changierenden Farben der Gebäude zeugen von der unterschiedlichen Zusammensetzung lokaler Lehmvorkommen. So manches historisches Baudenkmal schlummert im Verborgenen. Nicht so die viel besuchten Lehmdörfer der legendären Dogon im Südosten des Landes, die für ihre Mythen und frühen astronomischen Kenntnisse weltbekannt sind. Die Dogon bestatten bedeutende Ahnen seit Jahrhunderten in Lehmhöhlen, die wie Schwalbennester in einer hohen Felswand über den Dörfern kleben. „Immer mehr Besucher Malis entdecken die Bedeutung und hohe Kunst des Lehmbaus hier“, weiß Juan Dobler. Der aus Deutschland stammende Reiseveranstalter lebt seit Jahren in Malis Hauptstadt Bamako. Seit neuestem bietet er mit seiner Agentur Nomade Voyage Thementouren zum Lehmbau an. Das interessiert  nicht nur Architekten oder Ethnologen.

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Die legendäre Moschee von Djenné

Mali ist vielleicht das Land mit der bedeutendsten Lehmbaukultur in Afrika, aber längst nicht das Einzige. „Die Länder rund um die Sahara haben eine sehr vielfältige Baukultur, die verschiedenen Stile und Techniken haben sich durch die Jahrhunderte gegenseitig durchdrungen und beeinflusst.“ Amédé Mulin streicht seine schulterlangen Haare hinter die Ohren und rückt die Sonnenbrille zurecht. Der Architekt sitzt in der Bar seines Hotels La Maison Rouge in Mopti. Die Stadt liegt auf drei Inseln am Zusammenfluss des Bani mit dem Niger, zwischen Timbuktu und Ségou.

Ein angenehmer Windzug weht durch die offen gestaltete Bar, die kunstvoll gewebte Teppiche, Architekturfotografien und  geschnitzte Skulpturen zieren. „Dieses Haus soll wie eine Reise durch die Stile des Lehmbaus sein.“ Drei Jahre hat der Schweizer Architekt, der vorher Hotels in Nord- und Westafrika und in Asien entworfen und fotografiert hat, an seinem Traum aus Naturbaustoffen gebaut. Sein angesammeltes Wissen findet sich in individuell gestalteten Zimmern, Innenhöfen, Fensterformen, Ornamenten, Möbeln oder Fußbodenkacheln wieder.Zur Vielfalt der Form fügt sich die des Materials. Amédé Mulin hat Lehm je nach Anwendung mit Sand, Ton, Laterit oder Zement gemischt. Manche Materialien hat er gebrannt, andere  an der Luft getrocknet. Für die Farben verwendete er die Pigmente verschiedener Erdmaterialien.  Eine illustre Schar internationaler Gäste weiß das zu schätzen. So hat der Lehmbau selbst den Einzug in Designerhotels geschafft.

Das dürfte Souleymane Karembe egal sein.  „Ein Haus aus Lehm kostet nur halb so viel, wie eines aus Stein.“ Der Mann mit dem gelben Ronaldhino-T-Shirt wuchtet einen Stoß Lehmziegel auf einen klapprigen Eselskarren. „Wir können die Wände selbst mit den Händen ausbessern, und die Luft im Haus ist sogar bei großer Hitze angenehm.“ Fracht und Karren schwanken, als das dürre Tier sich in das Zaumzeug legt und seine Last über den rissigen Boden des trockenen Flussbettes zieht. Souleymane blinzelt in die Sonne und kratzt sich einen getrockneten Lehmplacken vom Unterarm. Seine Vorfahren haben ihre Häuser aus Lehm gebaut. Er selbst besitzt ein Haus aus Lehm. Und seine Kinder werden aller Wahrscheinlichkeit nach auch in einem Haus aus Lehm wohnen.

Große Moschee von Djenné, Mali


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