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Detektiv an der Obstpyramide

La Boqueria, der überdachte Markt von Barcelona, ist so groß wie zwei Fußballfelder. Seine Schätze sind bunt und essbar.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Michaela Ludwig

So sieht er also aus, der ‚Bauch von Barcelona’. Der katalanische Autor Manuel Vázquez Montalbán soll ihm den Namen verpasst haben und ließ hier seinen Detektiv und Gourmet Pepe Carvalho die Zutaten für dessen exquisite Menus einkaufen. Der Eingang gleicht einem Schlund, an einem schmiedeeisernen Bogen mit blauen und gelben Glasornamenten prangt sein Wappen. Mercat St Josep steht dort, darunter der Name, unter dem die größte der barcelonesischen Markthallen besser bekannt ist: La Boqueria.

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Von der belebten Ramblas eröffnet sich der Blick in den Schlund.

Auf einer Fläche von zwei Fußballfeldern offenbart sich ein kulinarisches El Dorado der Farben, Formen und Gerüche. Obst- und Gemüsestände wie Stillleben, erschaffen aus allen denkbaren Farbnuancen zwischen gelb, orange und tiefrot, vermischt mit Grüntönen. Äpfel und Tomaten, Mangos und Papayas bis hin zu den stacheligen Rambutans und der wurmförmigen, grauen Tamarinde werden feilgeboten. Alles ist kunstvoll angerichtet in Körben, aufgeschichtet zu Pyramiden, Erkern oder Türmchen. Die gleichen Früchte gibt es am Stand gegenüber, nur in anderen Umständen: getrocknet oder kandiert.

Einige Stände weiter hängen jambon, Schinken, und chorizo, die rote, manchmal scharfe Wurst mit Knoblauchgeschmack, liegen Pilze wie Schwämme, Trompeten oder Schirme. Die Lamellen sind zum Betrachter gedreht: Seht her, wie wunderbar frisch. Ein zarter Pilzgeruch breitet sich aus. Willkommen im Reich der Sinne.

In den frühen Morgenstunden gehört die Boqueria den Küchenchefs der besten Restaurants der Stadt. Derer gibt es viele, denn die katalanische Hauptstadt genießt den Ruf, eine der weltbesten Avantgarde-Küchen zu haben. Ihrem kulinarischen Surrealismus hat der Spitzenkoch Ferran Adrià ein Gesicht gegeben. Nur zähneknirschend räumt man hier ein, dass die Auszeichnung für die beste spanische Küche an die baskische geht, zumindest was die Zahl der Michelin-Stern-Köche betrifft.

Obligatorisch für Restaurantbesitzer und Barceloner ist ein spätes Frühstück bei Pinotxo - bevor Heerscharen von Touristen mittags die Boqueria erstürmen. Auf wenigen Quadratmetern erfüllt Juanito, weißhaarig und unverwüstlich, die Wünsche seiner Kundschaft. Die drängt sich in Stoßzeiten dreireihig um seinen Stand. Wer Glück und Durchsetzungsvermögen besitzt, ergattert einen Barhocker vor der Auslage und ordert das Lieblingsgetränk der Katalanen, den Cava, einen trockenen Schaumwein. Dazu einen Teller Gambas, frisch zubereitet.

Durch den Schlund wird der Besucher zurück auf die Ramblas gespuckt, jenen quirligen, platanengesäumten Boulevard, der die Altstadt in zwei Teile schneidet: Rechts das herausgeputzte Gotische Viertel und links das noch abgehalfterte El Raval. Zwischen Blumenständen, Vogelverkäufern und Zeitungsbuden hat sich eine einträgliche Geschäftsidee entwickelt: Jesus, John Wayne, Che Guevara und andere illustre Gestalten verdienen hier als lebende Statuen ihre Brötchen.

Hinter dem Boulevard führt ein Gewirr aus Gassen und Gässchen ins Gotische Viertel, das alte und neue Zentrum der Macht. Mittelalterliche Häuser, antike Schilder, traditionelle Bars und Geschäfte neben stylischen Szene-Treffs und trendigen Boutiquen locken Besucher aus aller Welt an. Wer sich jedoch weiter in die kleinen Gässchen traut und von dort über versteckte Plätze und in unauffällige Hauseingänge treiben lässt, wird das geheimnisvolle, entrückte Barcelona entdecken, das der katalonische Autor Carlos Ruiz Zafón in seinem Welterfolg „Der Schatten des Windes“ beschreibt. Mit dem Roman in der Hand oder neuerdings geführt durch eine spezielle „Schatten des Windes“-Tour lässt sich den Spuren des Helden Daniel Sempere auf seiner Suche nach dem mysteriösen Schriftsteller Carax folgen – zum Friedhof der vergessenen Bücher in der Rambla Sta. Mónica oder zum Haus der Nuria Monfort am Placa Sant Felip Neri.

Im Restaurant Els Quatre Gats hinter der Kathedrale hat Daniel Sempere den Buchhändler Gustavo Barcelo getroffen und Pablo Picasso im Jahre 1900 erstmals seine Bilder ausgestellt. Das Jugendstil-Interieur scheint unberührt seit diesen Tagen: An den gelben Wänden, über den Kachelborten, hängen Fotos und Zeichnungen Picassos. Ein zweites Stockwerk bildet der Holzbalkon, der sich schmal um den Saal zieht und wo sich Pärchen beim Glas Wein tief in die Augen schauen. Im Hintergrund mischt sich das Stimmengemurmel in die Melodien des Klavierspielers.

Um die „Grüne Fee“ zu treffen, muss der Nachtschwärmer wie Picasso seinerzeit das Gotische Viertel verlassen, die Ramblas überqueren und sich in die Bars des Barri Xinès im El Raval stürzen. Hier, wo die Gassen schummerig und schmuddelig sind, wird Absinth, die Modedroge des Fin de Siècle, ausgeschenkt. Das giftgrüne Gebräu aus Anis, Fenchel und Wermut sollen Picasso, van Gogh und Baudelaire genossen haben – als Quelle der Inspiration, aber auch der Selbstzerstörung. Denn in dem Wermutkraut ist das Nervengift Thujon enthalten, welches im Verdacht steht, Halluzinationen hervorzurufen. Deshalb wurde das Getränk Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts in den meisten europäischen Ländern verboten. Seit den 1990er Jahren wieder zugelassen, darf nach EU-Norm nur noch ein Bruchteil Thujon beigemischt sein. Unter dem Namen „Absenta“ wird er in unterschiedlichen Konzentrationen- die höchste mit einem Alkoholgehalt von 80 Prozent! – ausgeschenkt. Die London Bar oder Marcella wirken selbst wie Gemälde Picassos, - der Rauch hat die Wände patiniert, Fotos und Zeitungsausschnitte erzählen von vergangenen Zeiten. Das Ritual gefällt den jungen Stadtbesuchern: Der Zuckerwürfel wird aufgespießt und mit Wasser aufgelöst. Bei jedem Tropfen zieht im Glas mehr Nebel auf, bis sich das Giftgrün in ein milchiges Gelb verwandelt. Nicht nur der Absinth ist Schuld, wenn sich in Barcelona Phantasie und Realität vermischen – es muss an der Stadt selbst liegen. Und an ihren Geschichten.

Plaça de Catalunya, 11, 08002 Barcelona, Spanien

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