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Ein Jahrtausend Fischertradition
von Haithabu bis auf den Holm

Fotos: Wolfgang Huppertz | Text: Michaela Ludwig

Im Räucherofen schwelt die letzte Glut. Der beißende Buchenqualm liegt schwer in der Luft. Während die beiden Frauen in derben Kleidern geräucherte Schnäpel und Schollen verkaufen, flickt Jörg Nadler mit Holznadel und Leinenzwirn ein Netz. Seit den Morgenstunden steht er hier, doch die Worte sprudeln immer noch aus ihm heraus. „Das sind Hühnergötter“, erzählt der großgewachsene Mann und zeigt die Feuersteine mit den Löchern in der Mitte, die das Stellnetz nach unten beschweren. „Die haben die Wikinger benutzt  – und bis ins 20. Jahrhundert auch meine Kollegen vom Holm.“

Jörg Nadler trägt eine braune Tunika und eine enge Lederkappe, die seine blonde Mähne bändigt. Der 40-Jährige lebt zwei Leben. Unter der Woche ist er einer der letzten Schleifischer, die auf dem Holm, der traditionellen Fischersiedlung von Schleswig, wohnen. Am Wochenende jedoch schlüpft er in die Wikingerkleidung, die seine Kollegin Silvia Crumbach aus gewebter Schafswolle genäht hat. Dann baut er vor einem Zelt, das mit hölzernen Drachenköpfen verziert ist („eine Grabbeigabe für Könige – hätte ich mir als Fischer damals nicht leisten können“), Stellnetze, Reusen und unzählige Fischerwerkzeuge aus Holz und Eisen auf. „Alles handgefertigt nach Originalvorlagen“, erzählt Jörg Nadler stolz.

Silvia Crumbach und eine weitere Frau stehen unter dem Tuchzelt und holen die letzten Fische aus dem Räucherofen. Den unteren Sockel hat Jörg Nadler aus Lehm gebaut und ein Fass aus Weißtannenholz als Ofen darauf gesetzt. „Ein halbiertes Transportfass“, erklärt er schmunzelnd. „Die wurden für alles Mögliche genutzt. Warum nicht auch als Räucherofen?“ Dies sei sein Rekonstruktionsvorschlag.

Die drei Wikinger haben ihre Zelte in einer Siedlung aufgeschlagen, die sich in die liebliche, sattgrüne Hügellandschaft vor den Toren Schleswigs schmiegt, am Ufer des Haddebyer Noors, einem Seitenarm der Schlei. Gerade wurde das sechste Haus fertiggestellt, ein weiteres ist geplant. Es ist aus gespaltenen Eichenbohlen gebaut und wie die anderen mit Reet gedeckt. Die Nachbauten beruhen auf jüngsten Forschungsergebnissen von Geophysikern und Archäologen des Landesmuseums Schloss Gottorf in Schleswig. Weit über 1000 Menschen sollen um das Jahr 950 an diesem Ort gelebt und gearbeitet haben.
Dies ist Haithabu. Das größte nordeuropäische Handelszentrum im frühen Mittelalter wurde von den Wikingern im Jahre 804 erbaut. Von den Häusern führt eine Landebrücke aus Eichenholzbohlen 40 Meter weit ins Noor. Auch sie ist ein Nachbau, der im vergangenen Sommer eingeweiht wurde. Hier konnten die großen Handelsschiffe wie der im Haddebyer Noor gefundene Knorr mit einer Ladekapazität von 60 Tonnen anlegen.

Die Archäologen haben herausgefunden, dass die Hafenanlagen im Laufe der Zeit zu einer großen Plattform zusammengewachsen sind: zu einem schwimmenden Marktplatz für die Bewohner. Im Hafenbecken entdeckten die Wissenschaftler Waagen und Gewichte, Münzen, Waffen, Perlen und Bernstein. Daraus schlossen sie, dass die Menschen ihre Geschäfte auf den neu eingelaufenen Schiffen abgewickelt und ihre Waren auf der Plattform in Netzen zwischen gelagert haben.

Meist denkt man heute bei Wikingern an raue, kriegerische Burschen, die mit ihren drachenförmigen Schiffen unter bunten Segeln die Meere überquerten, um fremde Städte zu erobern, an die Abenteuer von Wiki und Met, der in Strömen fließt. Jörg Nadler ärgert sich

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über dieses Bild, das von den folkloristischen Wikingermärkten hochgehalten wird. „Die anderen Seiten werden regelrecht niedergebrüllt“, sagte er. „Das normale Leben wird komplett übergangen.“ Zu diesem gehörte, dass die Bewohner von Haithabu Butter in Butterfässern gestampft haben oder dass viele so arm waren, dass sie sich eher Fisch als Fleisch leisten konnten. Meist kam Hering auf den frühmittelalterlichen Wikingertisch.

Geschichten wie diese begeisterten den gelernten Binnenfischer aus Wuppertal, der zwischenzeitlich seine Brötchen als Physiotherapeut verdiente. Den Karnevalsflüchtling führte vor 15 Jahren eine Kulturtour in den Norden. Im Museum Haithabu packte ihn die Faszination für Kultur und Leben der Wikinger. „Als ich die Netzsenker und die anderen Fischereigeräte sah, wollte ich unbedingt wissen, wie die Kollegen damit gefischt haben.“ Er besorgte sich Bücher, sprach mit Archäologen vom Landesmuseum Schloss Gottorf und begann, nach diesen Vorlagen Utensilien zu bauen. Er strickte Netze aus Brennessel, Leinen- und Hanffasern,  baute einen Einbaum, wie ihn die Wikinger zum Fischen benutzt haben. Der steht nun frisch geteert im Freilichtmuseum Haithabu und wartet auf seinen Stapellauf im Frühjahr.

Jörg Nadler nennt sich „Deutschlands einzigen Museumsfischer“, und das nimmt er sehr ernst. Er und seine Kolleginnen wollen historisch korrekt informieren und kein Zerrbild vermitteln. Eine brotlose Kunst ist es, denn bezahlt wird er für die Vorführungen in Haithabu nicht. Sein einziger Verdienst an den Wochenenden sind die Einnahmen für den Räucherfisch. Zeitaufwändig ist das Hobby auch. Er bräuchte zwei Wochen, um ein 25 Meter langes Heringsnetz zu stricken. Wenn er von morgens bis abends Zeit hätte. Doch da er die Tage auf der Schlei verbringt, dauert es entsprechend länger.

Trotz aller Begeisterung: Tauschen würde er mit den Wikingerfischern nicht. „Da war keine Zeit für Romantik, die Leute haben rund um die Uhr gearbeitet“, sagt Jörg Nadler. Außerdem freue er sich, bei der Arbeit sein Ölzeug zu tragen und nicht das lange, geölte Hemd aus Walkloden.

Haithabu war über zwei Jahrhunderte lang eine Warendrehscheibe von europäischer Bedeutung. Das weckte Begehrlichkeiten. So überfielen die Wenden den Ort im Jahr 1066 und machten ihn dem Erdboden gleich. Die Stadt wurde auf der anderen Seite der Schlei neu aufgebaut. Ihr Name war Schleswig.

Hier spielt das andere Leben, das als Schleifischer vom Holm. Die ehemalige Insel ist durch die Fischbrückstraße mit der Stadt verbunden. Um den Friedhof mit Kapelle legt sich wie ein Ring die Straße aus Kopfsteinpflaster mit den kleinen, bunt angestrichenen Fischerhäuschen. Strahlenförmig führen die Gässchen zur Schlei und den Bootsstegen der Fischer hinunter. Hier hängen Netze und Reusen zum Trocknen, stapeln sich Plastikkisten und knattern die Flaggen zur Kennzeichnung der Netze im Wind.

Die Fischerei erscheint hier wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. über Jahrhunderte hatten die Fischer aus Schleswig eine herausragende Position, sind sie doch seit 1480 die einzigen, denen das Fischen auf der Schlei zwischen Arnis und Schleswig gestattet ist. Das hatte der dänische König Christian I im Schleibrief ausdrücklich bestätigt. Mitte des 18. Jahrhunderts gründeten sie eine Zunft, deren Regeln noch heute verbindlich sind. Wie damals ist es nur ihren Angehörigen erlaubt, auf der Schlei zu fischen. Und wer aufgenommen wird, entscheiden die Zunftmitglieder. Voraussetzung ist, dass der Neuling auf dem Holm oder in den angrenzenden Straßen lebt und Vollerwerbsfischer ist. Das sind heute gerade noch 13 Männer.

Vielleicht liegt es an den schwierigen Arbeitsbedingungen, dass der Zusammenhalt unter den Fischern so groß ist. Das erlebte auch Jörg Nadler, als er vor sechs Jahren auf den Holm zog, wo er heute mit Lebensgefährtin und Sohn lebt. Von den älteren Kollegen erhielt er Netze. Der Zunftherr der Holmer Fischer verkaufte ihm sein Fischerboot, die sechs Meter lange Laurin, und wies ihn in die Geheimnisse der Schleifischerei ein. Der Aal bringt die Kasse zum Klingen, aber um ihn zu fangen, sind Erfahrungen mit seinem Wanderverhalten und gute Revierkenntnis gefragt. „Wo sich die Aale aufhalten und wie sie wandern, habe ich in der kurzen Zeit noch nicht begriffen“, erzählt Jörg Nadler. „Zum Glück geben mir die Kollegen Tipps.“

Der Arbeitstag beginnt für Jörg Nadler in der Hauptsaison morgens um vier. Bei Wind und Regen geht’s im leuchtend orangefarbenen Ölzeug hinaus auf die Schlei. Nacheinander fährt er die Reusen an, die er vor ein paar Tagen ausgesetzt hat. Mit dem fünf Meter langen Stecken, dem „Allroundgerät für die Reusenarbeit“  hebelt er die langen Netzröhren aus dem Wasser und prüft, ob sich Fische verfangen haben. Heute Morgen sind es nur ein paar kleine Aale. Sie winden sich, als der Fischer sie mit seinen schwarzen Gummihandschuhen anpackt und wieder in die Schlei schmeißt. Das Schonmaß ist hier auf 35 Zentimeter festgesetzt. Begeistert erzählt er von seinem größten Fang in dieser Saison, der wog gute drei Kilo und war über einen Meter lang. „Der sah aus wie eine große, dunkelgrüne Wurst.“ Die mit Algen verdreckte Reuse zieht Jörg Nadler ins Boot, die wird er heute Nachmittag mit dem Hochdruckreiniger sauber spülen und flicken. „Dank an die moderne Technik! Das wär sonst eine Sisyphusarbeit. Das haben früher die Lehrlinge gemacht!“ Mehr Arbeit machen die Stellnetze, die sind anfälliger „Die Wassersportler heizen hier hoch und runter, die fahren einfach durch!“, ärgert er sich über seine Lieblingsfeinde. 

Die Fischausbeute wirft Jörg Nadler ins Wasserbassin in der Mitte des Schiffes. Auf der Rückfahrt schlachtet er sie: Kopf  ab, Haut abziehen und ausnehmen. über dem Boot kreisen die Möwen und lauern auf die Fischabfälle, auf die sie sich kreischend stürzen. Wenn alles für den Verkauf vorbereitet ist – nur die Heringe gehen an einen Fischladen, den Rest vermarktet er selbst – wird die Laurin zur Werkstatt. Er spitzt Knochenstäbe an oder rollt Birkenrinde  – für den Job in seinem anderen Leben.

Doch auch die moderne Fischerei ist ein Knochenjob, besonders im Herbst und Winter „ Wenn ich morgens um vier Uhr aufstehen muss, es noch tiefschwarze Nacht ist und ich schon im Haus den Regen höre und wie der Wind am Dach rüttelt, würde ich mich am liebsten noch einmal umdrehen“, sagt er.

Von seinem Bootssteg aus sieht Jörg Nadler auf der anderen Seite der Schlei den Hügel, hinter dem sich Haithabu versteckt. Er träumt davon, irgendwann von der traditionellen Fischerei leben zu können.

Haithabu, 24866 Busdorf, Deutschland

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