kontakt | impressum

Die zweite Emigration

Sie sind jung, ehrgeizig und kehren Deutschland den Rücken. Tausende Kinder von Gastarbeitern, die einen Uni-Abschluss geschafft haben, kehren in die die Heimat ihrer Eltern zurück.

Fotos: Gesa Becher | Text: Michaela Ludwig

Cihan Batman lehnt entspannt an der Brüstung des Vodafone-Towers im neuen Istanbuler Stadtviertel Maslak. Die Skyline von „Mashattan“, wie sie die Gegend nennen, ist das Sinnbild des Wirtschaftswachstums der letzten Jahre. Optimistisch ragen die Hochhäuser von Banken, Versicherungen und internationalen Unternehmen in den blauen, wolkenlosen  Himmel. Der Stuttgarter Diplom-Kaufmann mit IT-Schwerpunkt und seine ebenfalls in Deutschland geborene Frau Sibel haben Deutschland vor drei Jahren den Rücken gekehrt. Er ist 40, und der Sohn türkischer Einwanderer. Sein Vater Ibrahim kam 1965 von Erzincan in der Osttürkei nach Deutschland, seine Frau holte er drei Jahre später nach. Sie zogen nach Stuttgart und schafften bei Bosch: er in der Fertigung, sie in der Kontrolle. Ein paar Jahre, um sich „eine Zukunft aufzubauen“ – in der Türkei. So war es geplant. Aber dann blieben sie. Kein Wunder, dass sie die Pläne ihres einzigen Sohnes zunächst skeptisch betrachteten.

levent--maslak059.jpg
In Istanbul prallen Welten aufeinander: Busness-Viertel Maslak

„Die Türkei ist im Aufbruch“, sagt Batman während der Frühstückspause, und die Augen funkeln hinter der schmalen, rahmenlosen Brille. „Vom Tellerwäscher zum Millionär – im Gegensatz zu Deutschland ist das hier noch möglich.“ Batman ist einer, der es probiert haben will. Ganz unten musste er nicht anfangen. In Deutschland hatte er für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und die DaimlerChrysler Bank gearbeitet, in der IT-Prüfung und Beratung. Der Einstieg in den türkischen Arbeitsmarkt gelang ihm über die KPMG, wenn auch zunächst mit „einem Schritt zurück, was Gehalt und Position betrifft“. Einige Monate später holte ihn Vodafone ins IT-Management. „Ich bereue es nicht, dass ich gegangen bin“, sagt er, und inhaliert den Zigarettenrauch, „allerdings hätte ich es schon früher wagen sollen.“

Die Mega-City Istanbul mit ihren 12 Millionen Einwohnern ist eine Drehscheibe für den Handel zwischen Europa und Vorderasien. In den vergangenen Jahren siedelten sich die großen internationalen Unternehmen an, allein 3700 deutsche Konzerne und Mittelständler.  Wenn deutsche Unternehmen in die Türkei expandieren, besetzen sie Schlüsselpositionen wie Geschäftsführung und Management zunehmend mit jungen, deutsch-türkischen Akademikern. Die sind ihrer deutschen Konkurrenz um eine Nasenlänge voraus, denn neben ihrer Bikulturalität schätzen die Arbeitgeber die bürokratischen Vorteile: Trotz deutscher Staatsbürgerschaft erhalten sie vom türkischen Konsulat die „blaue Karte“, die sie bis auf das Wahlrecht, den türkischen Staatsbürgern weitgehend gleichstellt. Das bedeutet auch: Keine Probleme mit dem restriktiven türkischen Aufenthalts- und Arbeitsrecht.

Zurück ins Land der Väter

Dass der gut qualifizierte Nachwuchs in das Land der Väter zurückkehrt, ist in der türkischen Community ein eher neues Phänomen. In den letzten Jahrzehnten waren es meist Gastarbeiter, die sich Rentenansprüche auszahlen ließen und Häuser in ihren Heimatdörfern oder Wohnungen in Izmir und Istanbul kauften. Diese klassische Art der Rückwanderung nimmt aber ab. Seit der Jahrtausendwende haben sich laut Statistischem Bundesamt die Fortzüge türkischer Staatsbürger auf 20.000 Personen halbiert.  Doch viele Rückwanderer der zweiten Generation haben einen deutschen Pass in der Tasche – und tauchen in der offiziellen Statistik gar nicht auf.  Der selbständige Personalvermittler Ediz Böckli aus Osnabrück schätzt, dass allein im Jahr 2007 etwa 6000 Akademiker in die Türkei gegangen sind. Diese Zahl mag Soner Süral, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Türkischer Studierendenvereine (BTS) in Berlin, nicht bestätigen. Doch auch er sagt: „Die Rückkehr ist ein großes Thema unter türkischstämmigen Studenten.“

Es sind die Kinder der Gastarbeiter, die die Bundesrepublik in den Jahren des Wirtschaftswunders seit 1961 angeworben hatte. Sie kamen meist aus den armen und ländlichen Regionen Anatoliens und vom Schwarzen Meer. Die meisten hatten maximal eine Grundschulausbildung, so wie Cihan Batmans Eltern, Ibrahim und Nezihe Batman. Das deutsche Schulsystem war den Batmans fremd. Zuhause wurde nur Türkisch gesprochen, im Deutschunterricht hatte Cihan manchmal Probleme. Doch er wusste sich zu helfen. „Die Diktate lernte ich auswendig, damit konnte ich die schlechten Noten in den Aufsätzen ausgleichen“, erzählt er. Dass die Eltern ihn auf das Gymnasium schickten, verdankt er einem Zufall: Eine Deutsche, in deren Haus die Mutter putzte, riet ihr: „Wenn aus eurem Sohn was werden soll, muss er aufs Gymnasium.“ „Wie ein Deutscher“ wuchs Cihan Batman auf, hörte Herbert Grönemeyer und lachte über Didi Hallervorden. Auf dem Gymnasium war er der einzige Türke. „Da lebt man in zwei Welten.“

Je älter er wurde, desto deutlicher spürte er, dass er anders war als die deutschen Schulfreunde. Es waren zunächst Kleinigkeiten. „Ich tanzte anders, war als Südländer lebensfreudiger als meine Mitschüler“, erinnert er sich. Dann wollte er mehr über seine Wurzeln erfahren. In der Schule lernte man ja nichts über die Türkei. Auf eigene Faust begab er sich auf die Suche, verschlang Bücher über Politik, Geschichte, Gesellschaft.  Batman entdeckte, dass es das Land, das seine Eltern einst verließen, nicht mehr gibt. Die Metropolen haben ihr Gesicht verändert, Politik und Gesellschaft haben sich gegenüber Europa geöffnet.

Während seines Studiums der technischen BWL gründete er mit Kommilitonen den Stuttgarter Ableger der Europäischen Vereinigung türkischer Akademiker (EATA), organisierte Veranstaltungen zum Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland  um „Brücken zu bauen – gegen das schlechte Image “.  Die Leute, die dereinst aus dem Wirtschaftswunderland zurückkehrten, nannte man in der Heimat „Almanci“- die Deutschländer. Cihan Batman, der in Deutschland Geborene, mag das Wort nicht, denn ihm haftet, wie er sagt, „ein Hauch von Armseligkeit“ an. Das Wort bezeichnet die Elterngeneration, die in den Sommerferien mit dem angespartem Geld zurück kam, sich aber in der Heimat nicht mehr auskannte. „Das passt nicht zu mir und der Karriere, die ich gemacht habe“, sagt er. Er sieht sich als „europäischen Türken“ – einen, der auf zwei Stühlen sitzt und nicht dazwischen.

Nur wenige Rückkehrer  werden vom deutschen Unternehmenssitz in die Türkei geschickt, die meisten machen sich wie Volkan Callar auf eigene Faust auf den Weg.  Der 30-Jährige, der als Marketing-Chef bei Osram Türkei seinen „Traumjob“ gefunden hat, sitzt vor einem Milchkaffee in einem der unzähligen Cafés in Besiktas, einem quirligen Istanbuler Stadtviertel, und rührt den Zucker unter. In Deutschland lief zuletzt nicht alles wie geplant.  „Mein großer Traum war es, im Marketing einer großen Werbeagentur zu arbeiten“, sagt er. Doch noch dem Studium fand er trotz zahlreicher Bewerbungen keine Stelle. Einmal hatte er das Gefühl, dass es nicht klappte, weil er Türke war. „Ich dachte immer, dass ich es schaffen werde, wenn ich nur gut genug bin.“  Doch die Absagen frustrierten ihn. Er suchte nach neuen Wegen.

Zweimal hat der Werbekaufmann und Betriebswirtschaftler seine Koffer gepackt, ohne zu wissen, was ihn erwartet. Vor drei Jahren zog er zunächst nach Izmir, wo die Eltern eine Wohnung besaßen und er in seiner Kindheit die Sommerferien verbracht hatte. Zwar hatte er über Jahre Informationen über die türkische Arbeitswelt gesammelt, doch er verließ das westfälische Hagen, wo er geboren und aufgewachsen war, ohne die Aussicht auf eine Anstellung. „In der Türkei läuft viel über Kontakte, da muss man vor Ort sein“, begründet er diesen Schritt. In Izmir baute Volkan Callar im Auftrag einer holländischen Baufirma das Türkeigeschäft auf.  Doch nach einem Jahr kündigte er. Es zog ihn weiter, nach Istanbul. Nach zwei Monaten lernte er den Osram-Geschäftsführer, einen Deutsch-Türken, kennen und bekam den neuen Job.

Andreas Pott, Professor für Sozialgeographie am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück, hat den Bildungsaufstieg der zweiten türkischen Migrantengeneration untersucht. Er fand heraus, dass ein von den Eltern vermittelter Aufstiegswille, aber auch die entsprechenden Chancen und Gelegenheiten Voraussetzungen dafür sind. Die erfolgreichen Kinder von Migranten erbten in gewisser Weise das Mobilitätspotential der Eltern, die ja einst aufgebrochen waren, um ihre Lebensumstände zu verbessern. Wenn die gut ausgebildeten Migrantenkinder in Deutschland keine Stelle finden – laut einer OECD-Studie ist die Akademiker-Arbeitslosigkeit mit 18,9 % bei Zugewanderten doppelt so hoch wie bei in Deutschland geborenen Akademikern, - „dann orientieren sie sich eben woanders hin, beispielsweise in die Türkei, und nehmen dort die sich ihnen bietenden Möglichkeiten wahr“, so Andreas Pott.  

Einfach ist der Start aber nicht einfach. „Ich bin schon ein sehr deutscher Typ und habe deutsche Vorstellungen“, erzählt der Osram-Mitarbeiter Callar. So galt es, sich anderen Auffassungen von Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit anzupassen. Auch von Fettnäpfchen weiß er zu berichten. „Ich falle meist mit der Tür ins Haus“, sagt er. „Aber hier in der Türkei ist man diplomatischer, man liest zwischen den Zeilen. Ich habe gelernt, dass es häufig besser ist „Vielleicht“ statt „Ja“ oder „Nein“ zu sagen.“ Zu Beginn musste er die Feinheiten der türkischen Sprache lernen, die bei weitem nicht so gut war wie sein Deutsch.
Wie Cihan Batman folgt auch Volkan Callar, wann immer es seine Zeit zulässt, den elektronischen Einladungen zum Rückkehrer-Stammtisch in das deutsche Restaurant „Franconia“ im Szene-Stadtteil Beyoglu. Als Erkennungszeichen schmückt ein Glas „Deutschländer“-Würstchen von der Firma Meica die Einladungen, die an rund 800 Adressen hinausgehen. Bei Currywurst, Fleischkäse oder Spiegelei plaudern jeden Monat bis zu 60 junge Rückkehrer über Erfahrungen mit türkischen Behörden, Ausgehtipps oder deutsche Politik. „Wir haben einen ähnlichen Background und gemeinsame Themen“, bestätigen beide. 

Die Soziologin Sevcan Sütlü, gebürtige Münchenerin,  ist neu in Istanbul. Die 30-jährige meidet jedoch Runden wie den Rückkehrer-Stammtisch. „In Deutschland war ich lange genug die Nicht-Deutsche, jetzt möchte ich nicht schon wieder die Nicht-Türkin sein“, sagt sie energisch. Mit Studium und Erfahrungen als Projektleiterin im Wissensmanagement der BMW-Bank im Rücken stieß sie bei den deutschen Firmen, die sie in Istanbul abtelefonierte, auf Interesse. Seit acht Monaten arbeitet sie nun bei dem IT-Consulting-Unternehmen „Noventum“, das seinen Hauptsitz in Münster hat, und betreut mit Mercedes Benz Türkei einen der Hauptkunden. Bei Sevcan Sütlü war nicht die Karriere ausschlaggebend für die Entscheidung, Deutschland zu verlassen. Sie war das, was man als „gut integriert“ bezeichnet, - dennoch fühlte sie sich nie heimisch.

Dieses Gefühl scheint unter jungen türkischen Akademikern weit verbreitet zu sein. Eine Studie des Futureorg Instituts für angewandte Zukunfts- und Organisationsforschung über die Rückkehrabsichten türkischer Akademiker und Studenten in Deutschland zufolge beabsichtigen knapp 40 Prozent der jungen türkischen und türkischstämmigen Akademiker in Deutschland, in den nächsten Jahren in die Türkei zu ziehen. Die Mehrheit der Auswanderungsbereiten gibt als Grund „fehlendes Heimatgefühl“ an, berufliche Gründe kommen an zweiter Stelle.

Sevcan Sütlü stellt der deutschen Integrationspolitik ein schlechtes Zeugnis aus. „Mit einem deutschen Pass wird man nicht plötzlich Deutsch“, sagt sie und streicht sich durch die langen, braunen Haare. Sie möchte sich nicht für eine, und zwar die deutsche Kultur, entscheiden müssen, um akzeptiert zu werden: „Warum soll ich in Deutschland nur ‚Türkin‘ sein, wenn ich in Istanbul als Türkin trotzdem westlich leben kann?“, fragt sie. Beruflich, sagt sie, böten sich dort bessere Perspektiven. Die jungen Rückkehrer  wollen sich nicht festlegen lassen. Cihan Batman freut sich auf Lebkuchen und Glühwein in der Winterzeit. Sevcan Sütlü wird wie jedes Jahr die Münchener Wies’n besuchen. Im eigenen Dirndl. Rückkehr nicht ausgeschlossen.

Ziel der zweiten Emigration: Istanbul

skyline-maslak--048.jpg cihan--013.jpg volkan--019.jpg mansprichtseutsch--063.jpg levent-maslak-061.jpg levent--maslak059.jpg sevcan--004_1.jpg f__hre--043.jpg f__hre--045.jpg

Fotografen und Journalisten
Rothestraße 66
D 22765 Hamburg

kontakt

Alle Fotos und Texte auf dieser website sind urheberrechtlich geschützt. Die Reproduktion oder Nutzung der Inhalte, auch teilweise, bedürfen der vorherigen Absprache. Jede gewerbliche Nutzung ist honorarpflichtig und nur nach Zustimmung von agenda erlaubt.