kontakt | impressum

Der größte Ramschladen der Welt

Die chinesische Kleinstadt Yiwu ist der bedeutendste
Umschlagplatz für »Made in China«

Fotos: Michael Kottmeier | Text: Klaus Sieg

Buddelschiffe und Modelle von Fischkuttern, Koggen oder Segelyachten stehen dicht an dicht auf den schmalen Glasregalen. An den Wänden hängen Miniatur-Rettungsringe und gerahmte Seemannsknoten. Ein Souvenirshop in Hamburg, Brighton, San Franzisko oder Saint Malo? Weit gefehlt. Das Geschäft von Yang Caigin befindet sich in der Halle des internationalen Handels im ostchinesischen Yiwu. Die 43Jährige sitzt hinter ihrem kleinen Schreibtisch und blickt etwas mürrisch in den Morgen.  Vor ihr liegen Zettel, Stifte und ein handtellergroßer Taschenrechner. Gerade hat die Unternehmerin ihren kleinen Laden aufgeschlossen. Nun wartet sie auf Kundschaft. „Viele unserer Kunden kommen aus den USA und Großbritannien“, sagt sie und gießt heißes Wasser in den Becher mit grünem Tee. „Aber auch aus Frankreich und Deutschland.“ 

Hinter jedem Verschlag eine Fabrik im Hinterland

Yang Caigin ist eine von 10.000 Händlern in der dreistöckigen Halle des internationalen Handels. Auf  340.000 Quadratmetern Verkaufsfläche gibt es hier Schäferhunde aus Plastik,  Jesus- und Buddhafiguren, Gartenzwerge, Haarbänder, Schminkköfferchen, ferngesteuerte Autos, blinkende Schlüsselanhänger, Vasen, Pumpen fürs Aquarium, Feuerzeuge, Lampions oder Tannenbaumkugeln. Hinzu kommen Textilien und Kurzwaren, die hier umgeschlagen werden,  aus der Sockenstadt Datang, der Hemdenstadt  Suxi oder aus Wenzhou, der  Stadt der Knöpfe.

Die Händler hocken unter kaltem Neonlicht in voll gestopften Verschlägen, die kaum größer als eine Garage sind. Viele der Händler betreiben eine eigene Produktion im Hinterland, wo ganze  Dörfer für den globalen Handel werkeln. „Alle unsere Schiffsmodelle werden von Hand gefertigt.“ Yang Caigin weist mit ausladender Geste über die voll gestellten Regale. Gerade räumt ihre 21 Jährige Tochter eine Ladung frisch eingetroffener Fischkuttermodelle ein. In der Fabrik der Familie Yang sind fünfzig Arbeitskräfte tätig. „Zunächst haben wir uns nur auf die Herstellung beschränkt“, erklärt sie. „Mein Mann hat vorher als Schuster gearbeitet, der versteht etwas von Fertigung.“ Erst vor drei Jahren ist die Familie dann selbst in den Handel eingestiegen. In der Halle des Internationalen Handels stellen sie ihre Waren aus und führen die Verkaufverhandlungen. „Die Fischkutter zum Beispiel bauen wir nach Vorlagen, die uns ein Kunde mitgebracht hat.“ Was so ein kleiner, bunter Kutter kostet? „Das hängt von den Stückzahlen ab.“  Yang Caigin beginnt rasend schnell einige Zahlen in den Taschenrechner zu tippen. Einzelstücke verkauft hier kaum jemand. Dafür purzeln die Preise mit der entsprechenden Stückzahl.

Deshalb reisen Sudanesen, Inder, Franzosen, Kolumbianer, Afghanen oder Koreaner nach Yiwu. Die einen ordern in Containern. Die Anderen steigen mit fünf Pappkartons ins Taxi zum Flughafen.  „Ich teile mir mit einem Partner einen Container“, erklärt ein Palästinenser aus Jordanien und lässt rasselnd seine Gebetskette durch die Finger gleiten. „Die Preise hier sind unschlagbar.“ Deshalb lohnt sich selbst für ihn der Flug nach China, obwohl er in Jordanien nur einen kleinen Kiosk betreibt.  Unter seiner rotweißen Kufiya mustert der Mann das Angebot in einem Geschäft mit Kunstblumen. In der linken Hand hält er den obligaten Taschenrechner. Mit der anderen Hand fasst er sich nachdenklich an den grauen Vollbart. Hinter ihm steht sein chinesischer Dolmetscher mit einem Klemmbrett in der Hand. Er hilft bei den Verhandlungen und kümmert sich bei Bedarf auch um die weitere Abwicklung des Geschäftes, zum Beispiel um die Ausfuhr der  Waren über eine chinesische Exportfirma...

Aus allen Zeitzonen der Welt

„Ich bin alle drei Monate für zwei oder drei Tage hier.“ Veliji Patel fährt sich mit der Hand über das unrasierte Gesicht und blinzelt aus  seinen geröteten Augen. Der Inder betreibt zusammen mit zwei Partnern in Bombay auf 5000 Quadratmetern einen chinesischen Basar. „Da passt schon ein bisschen was hinein, deshalb stehe ich sehr unter Zeitdruck“, erklärt er und fummelt nervös an der Visitenkarte eines chinesischen Händlers.  Hinter ihm haben einige Männer den Kampf gegen die Müdigkeit aufgegeben. Sie sitzen mit zusammengesackten Oberkörpern auf einer Bank und halten mit der Aktentasche auf den Oberschenkeln ein Nickerchen. Die Besucher in Yiwu kommen aus allen Zeitzonen der Welt. Das kostet Kraft.

Auf den langen Gängen der Halle des Internationalen Handels geht es erstaunlich ruhig zu. Gedränge, Marktschreierei oder gestenreiche, theatralische Verhandlungen sucht man hier vergebens. Zentrales Werkzeug bei den Verhandlungen ist der Taschenrechner. Kunden und Händler tippen immer wieder Zahlen hinein, zeigen sie ihrem Gegenüber,  in der Hoffnung auf ein zustimmendes Nicken. Ist das erfolgt, werden Verträge abgeschlossen. Kaum jemand transportiert hier etwas ab. Die Warenströme fließen im Verborgenen und sind höchstens an der großen Zahl von Containern auszumachen, die LKW durch die  Straßen Yiwus transportieren.

mkoc0828.jpg

Schiffsmodelle in Yiwu, weit weg von St. Malo, Brighton oder St. Peter Ording.

Besonders in Afrika haben sich zahlreiche Händler aus China nieder gelassen. Die meisten stammen aus der Provinz Zhejiang und kaufen ebenfalls in Yiwu ein. Täglich verlassen 250 Container mit Billigwaren die Stadt in Richtung Schwarzer Kontinent. „Endlich kann auf diese Weise auch Afrika am Konsum teilhaben“, sagt ein Händler aus Sierra Leone. Doch die Kehrseite ist auch in Yiwu besichtigen: An zahlreichen Ständen werden ‚traditionelle  afrikanische’  Schnitzereien aus chinesischer Produktion angeboten. Eine harte Konkurrenz für afrikanische  Produzenten...

 Unter den Händlern in der Halle des Internationalen Handels sind nicht Wenige, deren Eltern noch einen Handtuch großen Acker mit Reis bestellt haben. Nicht alle haben es allerdings zu einer eigenen Fabrik oder zu einem teuren Kabuff in der Halle gebracht. In der Kantine kommt ein Mann in einem abgerissen Anzug an unseren Tisch und legt ein buntes Plastikteilchen auf den Tisch, das beim Einfädeln eines Fadens in ein Nadelöhr dienen soll. Ab zehn Stück Abnahme soll es  nur umgerechnet zwei Cent kosten. „Ich kann auch einen Container voll liefern, dann wird es noch billiger“, sagt der Mann und lächelt schüchtern. Dann zieht der  Kleinhändler einen Taschenrechner hervor und beginnt hektisch Zahlen hinein zu tippen. Auch er will sich ein Stück vom Kuchen der globalen Warenströme  abschneiden.

Der größte Ramschladen der Welt

Die chinesische Kleinstadt Yiwu ist der bedeutendste
Umschlagplatz für »Made in China«

mkoc0820.jpg mkoc0845.jpg mkoc0827.jpg mkoc0825.jpg mkoc0897.jpg mkoc0850.jpg mkoc0908.jpg mkoc0848.jpg mkoc0882.jpg mkoc0842.jpg mkoc0856.jpg mkoc0851.jpg mkoc0834.jpg mkoc0830.jpg mkoc0889.jpg mkoc0904.jpg mkoc0823.jpg mkoc0822.jpg mkoc0892.jpg mkoc0866.jpg mkoc0914.jpg mkoc0912.jpg mkoc0874.jpg mkoc0913.jpg

Fotografen und Journalisten
Rothestraße 66
D 22765 Hamburg

kontakt

Alle Fotos und Texte auf dieser website sind urheberrechtlich geschützt. Die Reproduktion oder Nutzung der Inhalte, auch teilweise, bedürfen der vorherigen Absprache. Jede gewerbliche Nutzung ist honorarpflichtig und nur nach Zustimmung von agenda erlaubt.