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Tauwerk von der Hamburger Reeperbahn

Im Süden Hamburgs wird auf Europas längster Reeperbahn wie vor 150 Jahren geschlagen, ausgetrieben und gereckt.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Michaela Ludwig

Im Schritttempo rollt der Ausschlagwagen die Bahn hinunter. Auf der hölzernen Lore ist ein spitz zulaufender Holzzylinder montiert, der die Litzen, dünne Hanfseile, zusammenführt und verzwirbel. Ewald Felbert begleitet den Wagen und fährt mit der rechten Hand die Litzen entlang, die in sich gedreht werden. „Man muss fühlen, ob der Druck stimmt“, erklärt er.

Am Ende der Bahn sind die sechs Litzen an Fleischerhaken auf einer rotierenden Scheibe verknotet. Durch diese Bewegung werden sie zu einer Trosse verdreht. Schlagen, wie es im Fachjargon heißt. Als der Ausschlagwagen das Ende der Bahn erreicht, stoppt Ewald Felberg die Maschine durch einen Zug an dem roten Seil, das in Kopfhöhe bis zum anderen Ende der Bahn führt, und die Glocke über seinem Kopf läutet. „Das ist das Zeichen, dass die Maschine stoppt“, erklärt Ewald Felbert. Sein Kollege steht genau 262 Meter – das sind zwei Fußballfelder - von ihm entfernt. Durch den Zug des Seils erklingt drüben eine zweite Glocke.

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„Herzlich Willkommen auf der Reeperbahn“, sagt Klaus Lippmann. Das „r“ rollt der Geschäftsführer von Lippmann Tauwerk wie Hans Albers in dem Schlager über Hamburgs bekannteste Straße. Dort hatte dieses über achthundert Jahre alte Handwerk im 17. Jahrhundert seine Blütezeit. Der spätere Stadtteil Sankt Pauli war noch eine hügelige Waldgegend vor den Stadttoren – mit ausreichend Platz für die Bahnen der Hamburger Seiler und Reeper. Doch weil die Stadt weiter wuchs, musste das Gewerbe Mitte des 19. Jahrhunderts erneut weichen. Heute erinnert nur noch der Name an dieses alte Handwerk.

Lippmanns Reeperbahn liegt heute auf der anderen Elbseite, versteckt im Industriegebiet des Hafens. „Wir betreiben hier das wahrscheinlich zweitälteste Gewerbe der Welt“, sagt der 67-Jährige und fährt sich schmunzelnd über den weißen Vollbart. Auf Europas längster Reeperbahn stellt Lippmann Taue und Trossen fast wie vor 150 Jahren her. „Damals haben sich die Seiler im Rückwärtsgang fortbewegt. Sie trugen den Hanf in den Schürzen und haben ihn dann versponnen“, erzählt Karl Lippmann. Manch einer legte bis zu 20 Kilometer am Tag zurück.

So weit müssen Ewald Felberg und seine Kollegen heute nicht mehr laufen. Für die langen Wege beim Auslegen der Seile und Litzen stehen Roller und Klappräder bereit. Maschinen haben das Ausschlagen übernommen. Dennoch wird noch immer ein Großteil der Arbeit per Hand erledigt. „Da sieht man doch, was man geschafft hat“, sagt Ewald Felberg. Sie arbeiten immer zu Dritt an einer Trosse. Abgesehen vom tiefen Brummen der Maschinen wirkt die Arbeitsatmosphäre beschaulich. Doch r Eindruck täuscht: Die Reeperbahn brummt und rentiert sich für den Familienbetrieb, der 48 Mitarbeiter beschäftigt und einen Jahresumsatz von vier Millionen Euro ausweist.

Anfang der 80er Jahre musste Lippmann Tauwerk seine ursprüngliche Produktionshalle auf der damaligen Elbinsel Altenwerder aufgeben. Das alte Fischerdorf sollte dem modernen Containerhafen weichen. Karl Lippmann entschloss sich, die Reeperbahn auch auf dem neuen Betriebsgelände wieder aufzubauen. „Damals lachten alle über mich“, erzählt er. „Sie meinten, es wäre altmodisch, das bräuchte man nicht mehr.“ Natürlich hat auch er in moderne Maschinen investiert, die nur wenige Quadratmeter Raum einnehmen und außer zum Wechseln der Spulen keine Arbeitskräfte mehr erfordern. Die stehen entlang der Reeperbahn, etliche Millionen Euro hat der Geschäftsmann in den vergangenen 20 Jahren investiert. Doch durch die Entscheidung von damals ist er der Konkurrenz heute oftmals eine Nasenlänge voraus. „Wir sind ein Spezialitätenladen“, sagt Klaus Lippmann und zeigt auf die Trosse, die Ewald Felberg und seine Kollegen Meter für Meter von der Reeperbahn wuchten. Sie wird später auf einem Spielplatz hängen und Kinder werden darauf balancieren. „Nur auf dieser Bahn kann man Taue mit einem Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern herstellen“, so Lippmann. „Wir leben davon, dass wir immer neue Nischen finden.“

Klaus Lippmann ist ständig auf der Suche nach neuen Ideen. Auf die stößt er beim Zeitunglesen - oder die Kundschaft kommt mit den Spezialwünschen selbst zu ihm. So gelang ihm vor zwei Jahren ein weiterer spektakulärer Streich: „Ich hatte gelesen, dass eine deutsche Firma Tsunami-Bojen konstruiert. Da habe ich mich sofort mit dem Unternehmen in Verbindung gesetzt.“ Der Auftrag kam postwendend: Die Firma Lippmann schlug sämtliches Tauwerk, das die Tsunami-Bojen nun am Meeresboden verankert.

Qualität aus dem Spezialitätenladen

Etwas ganz Besonderes war der Vasa-Auftrag. Als das 1628 gesunkene Kriegsschiff für ein Stockholmer Museum restauriert wurde, erhielt Lippmann den Auftrag, sieben Tonnen Hanfseile herzustellen. „Originalgetreu!“,  so Lippmann. „Die waren 13 Zentimeter dick und durch Teer gezogen.“ Ein Strahlen überzieht sein Gesicht. „In solch einem Auftrag steckt schon viel Herzblut.“

Das war vor 158 Jahren der Alltag der Seiler und Reepschläger. Als der Seilermeister Friedrich Lippmann auf der Wanderschaft in Altenwerder „wegen eines Mädels“ blieb und den Betrieb gründete, stellte er zunächst Zuggeschirre und Heureepe für die Landwirtschaft und Netzleinen für die Fischerei her. Doch der größte Abnehmer waren die Lastensegler im Hamburger Hafen. „Unser erstes Fahrzeug war eine Barkasse, um Leinen und Taue an die Schiffe zu liefern“, erzählt Klaus Lippmann. Doch die Schifffahrt veränderte sich: Die Segler verschwanden und wurden durch Frachter ersetzt. Anstelle der geschlagenen Taue aus Naturfasern wie Hanf wurden Drahtseile verwendet, in den 50er Jahren kamen die Kunstfasern auf. Dann wurde die Konkurrenz aus Osteuropa und Indien übermächtig. „Die produzieren Festmacherleinen zu Preisen, von denen wir nur träumen“, sagt Klaus Lippmann. „Wir können nur mithalten, wenn wir bessere Qualität abliefern.“

Ein Arbeiter fährt auf seinem Roller die zweite Bahn hinunter. In der Hand hält er ein Drahtseil, das sich von einer großen Spule abwickelt. Er hängt es am Ende der Reeperbahn in den Fleischerhaken ein. „Dies ist das Herz. Wie beim Menschen ist es in der Mitte des Körpers“, erzählt Ewald Felberg. Mit einer Maschine auf Rädern werden die Drahtseile mit Garn zu Litzen umwickelt und später in der Nebenbahn zu Tauen geschlagen. „Seit 1973 setzen wir dieses Seil für Kinderspielplätze ein“, erzählt Klaus Lippmann stolz. „Es ist so robust, dass es weder mit dem Messer noch durch Feuer zerstört werden kann.“ Deshalb benannte er es nach dem griechischen Gott Herkules, dessen Kraft sprichwörtlich ist.

Herkulesseile waren über zwei Jahrzehnte der Renner. Heute sind sie überall zu finden: Beim Klettern, als Hängebrücken auf Spielplätzen und beim Tauchen. „Seile sind etwas so Alltägliches, dass man nicht über sie nachdenkt“, so Klaus Lippmann. „Dabei kann häufig das Leben von ihnen abhängen.“

Durch die Halle zieht ein süßlicher Synthetikgeruch, der sich weiter hinten mit Teeraroma vermischt. Hier lärmen hunderte von kleinen vollautomatischen Zwirnmaschinen, die leuchtend rote Fasern verdrehen und dann wieder auf Flechtspulen wickeln. In der Nachbarabteilung werden sie zu endlosen Seilen geflochten. Hier übertönen die klackernden Klöppel das Hämmern der Maschinen. Diese Maschinen hat Klaus Lippmann selbst entworfen. „Damit flechten wir bis zu 100 Meter in einem Stück“, so Lippmann. Sie laufen über Nacht durch und stoppen erst, wenn die Spulen voll sind. Geflochtene Seile werden für Kites genutzt und im Segelsport als Schoten oder Festmacher.

Mehr als 3000 verschiedene Seile stellt Lippmann Tauwerk heute her. Geschlagene und geflochtene, aus Natur- oder Kunstfasern. Nachdem das geschlagene Tauwerk im letzten Jahrhundert fast von den Drahtseilen verdrängt worden war, feiert die Seilherstellung nun ein Comeback. Neuen Hightec-Materialien wie Dyneema, synthetische Fasern auf Erdölbasis, besitzen eine zehnfach höhere Festigkeit als Drahtseile und sind zudem nicht so störrisch. Sie werden für die Verankerung von Bohrinseln genutzt, aber auch als  Drachen- oder Angelschnüre. Ihnen gehört die Zukunft.

Mit 68 Jahren ist es für Klaus Lippmann an der Zeit, den Betrieb abzugeben. Seine Tochter Stefanie wird gemeinsam mit einem langjährigen Mitarbeiter das Ruder übernehmen. Er ist froh, dass das Unternehmen in der Familie bleibt. „Es ist wichtig, die Tradition zu bewahren“, so Klaus Lippmann. „Man muss aber auch innovativ sein, immer am Ball bleiben, damit man neue Trends nicht verschläft.“ Nur dann, so ist er überzeugt, wird das Seilerhandwerk auch in Zukunft weiterleben.


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