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Hosen für die Ewigkeit

Wer seine Arbeitskluft bei Paulsen bestellt, bekommt Qualität 'Made in Hamburg'. Vor allem aber hat die Schneiderfamilie die Veddelhose erfunden, eine Modelegende der siebziger Jahre.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Klaus Sieg

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Hart aber herzlich. Höflichkeitsfloskeln hat man bei Paulsen nicht nötig.

„Name. Adresse. Telefon.“ Kirsten Schröder  klopft ungeduldig mit dem Kuli auf die Schreibtischplatte, zupft sich an den blondierten Haarstränen. „Hosentaschen ausleeren!“ Ein Verhör? Weit gefehlt. Kirsten Schröder nimmt Kundendaten auf. Freitag Nachmittag im Arbeitsbekleidungsgeschäft Paulsen in Hamburger Stadtteil Georgswerder. Kräftige Männer stehen in Unterhosen auf dem ausgetretenen Linoleumboden. Kirsten Schröder geht um den Verkaufstresen herum und vor einem Zimmerer auf die Knie, drückt ihm mit ihren zierlichen Händen das Maßband in den Schritt. Beinlänge messen. „Hemd hoch!“. Jetzt ist der Bund dran. „Die Hose darf nicht zu tief sitzen, soll ja niemand deine Spardose sehen, oder?“ Die  Männer im Laden lachen. Kirsten Schröder erhebt sich und notiert Zahlen in ihren Block. Verzog da eben ein kurzes Lächeln ihre schmalen Lippen? „Wir sind keine Boutique“, sagt Kirsten Schröder mit schneidiger Stimme...

Höflichkeitsfloskeln hat man bei Paulsen nicht nötig. Schließlich wurde hier die Veddelhose erfunden. Was das ist? Die Veddelhose war in den Siebzigern stilbildend. Koteletten wie Schnitzel und lange Haare mit Seitenscheitel. Dazu trug man knallenge Veddelhosen, unter deren Schlag sich ein Kleinwagen verstecken ließ.  „Unser größter Schlag misst 110 Zentimeter, ein echter Straßenfeger.“ Inhaber Carsten Paulsen breitet die Arme aus und zeigt ein breites Grinsen unter seinem Schnauzer. Der 50jährige steht mit Westhighlandterrier Pelle vor dem Firmenhaus in Georgswerder, einem Arbeiterviertel, eingezwängt zwischen Hafenanlagen und Autobahntrassen im Süden von Hamburg...

„Erfinderin der Veddelhose war meine Mutter.“ Weil der junge Carsten meist mit zerschlissenen Hosen nach Hause kam, nähte die Mutter ihm kurzerhand eine Hose aus Pilot, einem sehr dicht gewebten Baumwollstoff. Taschen und Hosensaum verstärkte sie mit Leder. Die Hose schlug ein wie eine Bombe. Zuerst kamen Carstens Klassenkameraden, wenig später herrschte ein so großer Andrang, dass die Kunden  auf der Straße warten mussten. Alle wollten das eine: unten einen riesigen Schlag, oben knalleng. Zu Hochzeiten fertigten sie bei Paulsen 700 Hosen pro Woche. Ende der Siebziger ebbte die Welle ab. Was blieb, war die Arbeitsbekleidung. Heute ist Paulsen der letzte Betrieb seiner Art, der noch komplett in Deutschland fertigt. Konfektionsware und auf Maß. Im Laden treffen sich Handwerker aus Berlin, München oder Kiel, unter ihnen viele Gesellen auf Wanderschaft...

„Alles ‚Made in Hamburg’ hier“. Kirsten Schröder steigt die steile Treppe in den Keller hinunter. Stoff- und Lederschnipsel liegen auf dem Boden, an der Wand hängen ausgeblichene Urlaubsfotos. Aus dem Radio dudelt Schlagermusik. Alte Nähmaschinen von Adler oder Pfaff rattern und stampfen, dass der Fußboden vibriert. Hier wird für die Ewigkeit genäht. Während die tapferen Schneider im Keller werkeln, holt Carsten Paulsen auf Baustellen in ganz Norddeutschland die Aufträge ran. Der Familienbetrieb spürt den Wandel in der Bauwirtschaft. Wer gibt schon in Zeiten von Lohndumping und wild wucherndem Subunternehmertum über 500 Euro für eine Zimmererkluft aus?

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Veddelhose muss sein. Auch wenn der Schlag heute eher oben herum nötig ist.

Doch Carsten Paulsen gibt nicht auf. Lieber wirbt er neue Kunden auf einem Rockertreff in Wilhelmshaven oder beim Europakongress der Wandernden Gesellen in Frankreich.  Außerdem werden seit neuestem die Veddelhosen wieder gefragt. Junge Werbekauffrauen kommen oder  in die Jahre gekommene Biker: „Wir hätten gerne Veddelhosen zum Motorradfahren.“ Bernd Siedler streicht sich über sein Indianertatoo am Oberarm. über seinem Oberkörper spannt sich ein Harley-T-Shirt. „Bei der Figur?“, blafft Kirsten Schröder und sorgt mal wieder für lautstarkes Gelächter. Auch der 45jährige verzieht sein Gesicht zu einem breiten Grinsen, lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen. Er will eine Veddelhose, so wie früher, als seine Haare noch lang waren und die Mofa frisiert.  Auch wenn der Schlag heute eher oben herum nötig ist.

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