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Wilderer als Parkwächter

Der Bestand der letzten Östlichen Flachlandgorillas ist stark gefährdet, denn durch Kriege und Wilderer wurde ein Großteil der Population im ostkongolesischen Kahuzi-Biega-Nationalpark vernichtet. Der Schutz von Park und Gorillas kann nur gelingen, wenn sich die schwierige Lebenssituation der Bevölkerung verbessert.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Michaela Ludwig

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Der Pfad schlängelt sich durch Matschkuhlen und Pfützen, über kniehohe Wurzeln, durch Ameisenstraßen und unter umgestürzten Baumstämmen hindurch. Das dichte Blattwerk schützt Waldbewohner und Pflanzen vor der erbarmungslosen Hitze der Äquatorsonne. Den Weg zu den Gorillas erkennen nur die Parkwächter, die jeden Tag heraufkommen und Zeichen wie abgeknickte Äste, Gorillakot und Fußabdrücke zu lesen wissen.

Die Spuren verraten: Hier ist heute eine Gorillafamilie vorbeigezogen. Den Besuchern wird bedeutet, stehen zu bleiben. Das Rascheln der Blätter und Knacken von Ästen wird lauter. Zwei Wächter schlagen mit Macheten Zweige und Blätter von den Bäumen. Nun ist der schwarze Koloss sichtbar: Der Silberrücken Chimanuka. Mit einer Körpergröße von knapp zwei Metern thront das 21-Jahre alte Familienoberhaupt im Baum und stopft Bambusblätter in sein Maul. Ihm zu Füßen ein kleineres Weibchen mit ihrem sechs Monate alten Baby Muliza.

Die Parkwächter sind zufrieden. Dies ist die zweite Touristengruppe in einer Woche. Das belgische Ehepaar, Entwicklungshelfer aus der Hauptstadt Kinshasa, verbringen einen Kurzurlaub im ostkongolesischen Bukavu. Sie sind angereist, um die Flachlandgorillas im Kahuzi-Biega-Nationalpark - die Attraktion in den ostkongolesischen Kivu-Provinzen – zu sehen. Noch wird der Park außer von Einheimischen, die ermäßigte Eintrittspreise bezahlen, nur von Ausländern besucht, die im Kongo leben und arbeiten. Nach wie vor warnen europäische Auslandsvertretungen ihre Bürger vor Urlaubsreisen in die Demokratische Republik Kongo.

Während im vergangenen Jahr lediglich 300 zahlende Besucher registriert wurden, rechnet die kongolesische Naturschutzbehörde im laufenden Jahr mit einem starken Anstieg. Auch die Menschen in den Dörfern am Parkrand träumen von Besucherzahlen wie in den 90er Jahren. Vom Tourismus als Einnahmequelle für eine Region, deren Bewohner mehrheitlich Selbstversorger sind.

Warten auf die Touristen

Dieser Traum wird sich nur erfüllen, wenn der Nationalpark und seine Hauptattraktionen, die neun Gorillafamilien, am Leben bleiben. Die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) unterstützt die Arbeit von Naturschutzbehörde und Parkverwaltung. Doch GTZ-Mitarbeiter Carlos Schuler mag noch nicht aufatmen. „Der Krieg ist offiziell vorbei, aber die Rebellen verbreiten noch immer Angst und Schrecken“, sagt der 51-jährige Schweizer und fügt erklärend hinzu: „Der Staat muss dafür sorgen, dass die bestehenden Gesetze zum Parkschutz angewendet werden.“

Carlos Schuler weiß, wovon er spricht. Schon einmal musste er mit ansehen, wie der Zustand der Rechtlosigkeit den Park beinahe ruiniert hätte. Als 1996 mit dem Einmarsch der ruandischen Truppen der Bürgerkrieg begann, zogen alle internationalen Organisationen ihr Personal ab. Er jedoch blieb in Bukavu und führte seine Arbeit unter Todesgefahr fort. Den 120 Parkwächtern zahlte er weiterhin die Prämien aus und versuchte, den Park und die Gorillas vor Wilderern zu schützen.

Lebendige Vergangenheit

Die Bilanz des Krieges, der über drei Millionen Tote im ganzen Land forderte, war auch für den Park katastrophal: Das Parkgebiet mit einer Fläche von 6000 Quadratkilometern, das ist die doppelte Größe des Saarlands, war Kampfplatz und Rückzugsort der Rebellen, aber auch zehntausender Flüchtlinge. Sie schlugen Feuerholz und jagten Gorillas, Affen und Elefanten, um sie zu essen oder ihr Fleisch zu verkaufen. Das Tiefland, neun Zehntel der Parkfläche, mit seinen Gold-, Kasserit- und Coltanminen wird noch immer von Milizen kontrolliert. „Wir können nur schätzen, dass von den 10.000 Gorillas die Hälfte noch am Leben ist“, so Carlos Schuler.

Das Hochland zieht sich wie ein Schlauch auf einer Höhe von 1800 bis 3400 Metern zwischen den Vulkanen Kahuzi und Biega am Kivu-See entlang. Noch während des Krieges handelte Carlos Schuler mit den damaligen Militärführern aus, das Hochland abzusichern. So konnten die Parkwächter eine Tierzählung durchführen. Sie fanden 130 Gorillas, die Hälfte der ursprünglichen Population. Um weitere Massaker zu verhindern, starteten sie Aufklärungskampagnen bei sämtlichen Kriegsparteien. Der Krieg dauerte an, aber Gorillas wurden nicht mehr getötet – im Gegenteil. „Seitdem wurden 45 Gorillababys geboren. Heute leben im Hochland 175 Gorillas“, berichtet Carlos Schuler.

Von der Station Tshivanga, Ausgangspunkt der Gorilla-Touren, bietet sich ein weiter Ausblick über den Kivu-See bis nach Ruanda. Jeden Morgen suchen die uniformierten Wächter, bewaffnet mit einer Kalaschnikow, die Nester der Gorilla-Familien und führen Buch über die Schlafplätze und ihr Befinden. „Wir sind jeden Tag erleichtert, wenn wir alle gefunden haben“, erzählt einer. Viele von ihnen waren selbst Wilderer, die von Parkwächtern aufgegriffen und in deren Reihen aufgenommen wurden. Früher ernährten sie sich von den Tieren, die sie im Park gefangen und selbst gegessen oder verkauft haben. Heute leben sie von einer kleinen monatlichen Prämie – für den Schutz des Waldes.

„Die Menschen in der Region sind sehr arm. Sie holten sich im Wald das, was sie brauchten“, bestätigt Jaap Schorl, im GTZ-Büro Kinshasa zuständig für das Programm zum Erhalt der Biodiversität und nachhaltigen Waldbewirtschaftung. „Man kann sich nicht auf Naturschutz konzentrieren, ohne die Armut der Menschen zu bekämpfen.“ Das mussten auch die kongolesischen Behörden einsehen: Mitte der 1970er Jahre hatte der damalige Präsidenten Mobutu Sese Seko den tropischen Regenwald zum Nationalpark erklärt. Es wurden Gesetze zu seinem Schutz erlassen und die Bewohner mit Polizei- und Militärgewalt aus dem Wald vertrieben. Doch der Parkschutz scheiterte am Widerstand der Bevölkerung. „Die Menschen konnten nicht einsehen, dass sie einerseits die Parkressourcen nicht mehr nutzen, andererseits aber keinerlei Vorteile vom Schutz des Parks haben sollten“, erzählt Radar Nishuli, Leiter der Abteilung für Umwelterziehung in der Nationalparkverwaltung.

Pygmäen wurden aus dem Park vertrieben

Die Pygmäen hatten vor der Einrichtung des Nationalparks im Wald gelebt und sich von der Jagd und dem Sammeln von Früchten ernährten. Sie mussten in die Dörfer am Waldrand ziehen. Doch da sie kein Land besitzen, um wie die Dorfbewohner Bananen, Bohnen oder Maniok anzubauen, fehlt ihnen jegliche Lebensgrundlage. „Weil wir kein Geld haben, können wir unsere Kinder nicht zur Schule schicken. Aber wenn sie nicht zur Schule gehen, wird sich ihre Lage nie verändern“, beschreibt Pygmäen-Sprecher Mishebere den Teufelskreis, in dem seine Leute gefangen sind.

Der junge Mann ist einer von 41 Pygmäen, die an der Station Tshivanga als Parkwächter arbeiten, und Mitglied im Komitee für Gemeindeschutzprojekte in Miti. Es war das erste von heute zwölf Komitees, die vor acht Jahren gegründet wurden.
Die Mitglieder der Komitees werden von der Dorfbevölkerung gewählt und vertreten sie in allen Fragen des Naturschutzes und der Dorfentwicklung. Außerdem unterzeichnen Nationalparkverwaltung und Dorfbevölkerung ein Abkommen, in dem die Menschen sich verpflichten, den Park zu schützen, und das ihnen andererseits Unterstützung bei der Entwicklung ihres Dorfes zusichert. Die Bewohner entwerfen einen Dorfentwicklungsplan, in dem Prioritäten festgelegt werden. Dann müssen Geldgeber gefunden werden. So wurde in Miti unter anderem der Bau von Schulen unterstützt, für die 200 Pygmäenkinder Schulstipendien erhalten, die Wasserversorgung wurde sichergestellt sowie Vieh und Saatgut verteilt.

Nach Angaben der Naturschutzbehörde unterstützt heute die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung den Schutz des Nationalparks. Mehr noch: wie im Vertrag zwischen Dorfbewohnern und Nationalpark niedergeschrieben, zeigen sie nun auch Wilderer und Ausbeuter beim Komitee an. „Die Menschen beginnen, sich für den Erhalt des Parks und seiner Tiere verantwortlich zu fühlen“, stellt Radar Nishuli zufrieden fest. Hier würde in einem funktionierenden Staat die Strafverfolgung einsetzen, nicht so im Kongo. „Wir haben keine Möglichkeit, die Wilderer festzuhalten“, erklärt der. „Die Leute mit Macht und Einfluss kaufen sich wieder frei. Ein paar Tage später sieht man sie wieder auf der Straße.“ Carlos Schuler und sein Kollege Radar Nishuli hoffen, dass die kongolesische Regierung den Zustand der Rechtlosigkeit endlich beendet.

Kahuzi-Biéga Nationalpark, DR Kongo

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