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Auf dem Kamel zur Vorsorge

Die Mongolin Bayambaa zieht auch während ihrer Schwangerschaft mit Familie und Viehherde durch die Weiten der Wüste Gobi. Ein Leben voller Strapazen und Entbehrungen.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Klaus Sieg

Mit einem Ächzen wuchtet Bayambaa den schweren Kessel auf den Ofen. Sie bricht ein Stück von dem großen Brocken gepressten Tee ab, bröselt ihn mit ihren rauen Händen in das Wasser.

Wenig später zieht Dampf durch die Dachöffnung in der Mitte der Jurte, vermischt sich mit den Staubpartikeln, die im spärlichen Licht tanzen. Bayambaa gibt Salz und Milch in den Kessel.

„Willkommen in der Gobi“. Ein Lächeln strahlt aus Bayambaas dunklen Augen, als sie sich aufrichtet und die Schale reicht. Die 23jährige bläst eine Haarsträhne aus dem Gesicht und streicht sich über den dicken Bauch. Bayambaa ist im neunten Monat schwanger, die Hausarbeit fällt ihr schwer.  Doch die Nomadin würde niemals die Gastfreundschaft vernachlässigen.

Wie ihre Vorfahren ziehen Bayambaa und ihr Mann Munkhochir zu wechselnden Weidegründen. Nur so finden ihre 500 Schafe und Ziegen in der Wüste Gobi genügend Futter.

In der Jurte gibt es kein fließend Wasser. Den Ofen befeuern die Nomaden mit Dung, auch in den langen Wintern, mit Temperaturen unter 40 Grad.
„Die Herde hüte ich seit einigen Tagen nicht mehr.“ Bayambaa kümmert sich dafür um die dreijährige Tochter, sammelt Dung, wäscht das Geschirr oder kocht. Wenn Munkhochir mit der Herde zurück kommt, hilft sie beim Melken und schöpft Wasser aus dem Brunnen, um die Tiere zu tränken. Jetzt im Frühjahr kämmt die Familie außerdem ihre Kaschmirziegen. Der kostbare Flaum bringt einen wichtigen Anteil ihres Einkommens.

„Eine Schwangerschaft ist für Viehzüchterfrauen kein Zuckerschlecken“, sagt Dr. Myagmarsuren und legt anerkennend ihr rundes Gesicht in Falten: „Die harte Arbeit verursacht häufig Komplikationen.“  Die resolute Ärztin leitet das kleine Krankenhaus des Distriktzentrums Bayandalai. Der Ort besteht nur aus ein paar Steinhäusern, um die herum einige Jurten stehen. Die Krankenstation hat elf Betten. Als Toilette dient eine Bretterbude vor der Tür. Windböen wirbeln Staub und Müllfetzen über den Sandplatz.

Knapp zweieinhalbtausend Menschen leben im Distrikt Bayandalai, auf einer Fläche fast von der Größe Schleswig Holsteins. Einige Jurten liegen 200 Kilometer weit vom Distriktzentrum entfernt. Das erschwert die medizinische Versorgung. Hinzu kommt ein Gesundheitssystem sowjetischer Prägung, das zu wenig auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zu geschnitten und nach der Demokratisierung der Mongolei  nicht mehr finanzierbar war. Das mongolische Gesundheitsministerium versucht es zu reformieren, in einigen Provinzen mit Unterstützung der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Hebammen und Ärztinnen werden qualifiziert, Mutterschaftsheime und Beratungsstellen für Familienplanung eingerichtet und marode Kreissäle renoviert. „Wir konnten die Kinder- und Müttersterblichkeit stark zurückdrängen, unter anderem weil die Frauen öfter die Vorsorge in Anspruch nehmen“, freut sich Dr. Wolf Wagner, der  die Abteilung Reproduktive Gesundheit der GTZ in Ulan Bator leitet.

Bayambaa ist auf dem Kamel zur Vorsorge geritten. Hin und zurück dauert der schaukelige Ritt zwei Tage. Das konnte sie nur drei mal auf sich nehmen.
Dafür ist Togosmaa in Bayambaas Jurte gekommen. Die 37jährige arbeitet als Feldscherin. Der Begriff Feldscher kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet ‚der im Feld schneidet’. Katharina die Große übernahm die Idee aus Deutschland, einfach ausgebildetes Gesundheitspersonal für die Versorgung auf dem Land einzusetzen. Die Berater der Sowjetunion führten sie in der Mongolei ein. Fast täglich wirft Togosmaa die Satteltasche mit dem Stethoskop, dem Blutdruckmesser, den Spritzen oder Antibabypillen auf ihr russisches  Motorrad und knattert zu ihren Klienten. „Zu viele Frauen glauben immer noch, jedes Jahr ein Kind gebären zu müssen“, sagt Togosmaa und klopft entschlossen den Staub von ihrer knallengen Jeans.

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Die Feldscherin Togosmaa auf dem Weg zur Gesundheitsversorgung der Frauen in entlegenen Regionen

Für Bayambaa ist ab heute mit der harten Arbeit vorerst Schluss. Dr. Myagmarsuren ist mit dem Jeep   angereist, um sie in das Mutterschaftshaus zu bringen. Eine Staubwolke am Horizont kündigte bereits vor einer halben Stunde ihre Ankunft an. „Wir versuchen die Frauen zwei Wochen vor der Entbindung zu holen.“ Dr. Myagmarsuren und hebt den alten Reissack in den Jeep, in den die Schwangere ihre Wäsche zum Wechseln gepackt hat.

Der Jeep rumpelt über die unbefestigte Piste. Eine Herde Gazellen springt vorbei, entschwindet wieder im Flimmern der Luft, die sich über der bizarren Gerölllandschaft aufgeheizt hat. Bayambaa hat keinen Blick für die Schönheit der Natur. Mehrmals muss sie sich übergeben. Als der Wagen auf die Sandstraße des Distriktzentrums rollt, atmet die Schwangere auf.

Im Mutterschaftsheim ist die Ausstattung einfach, gemessen am Leben in einer Jurte aber sehr komfortabel: ein Fernseher, ein Kühlschrank, eine Heizung und auf dem Flur eine Dusche mit Warmwasser.  Erschöpft lässt Bayambaa sich auf das Eisengestellbett fallen. Mit einem Lächeln nickt sie Dr. Myagmarsuren und Togosmaa zu. Die Nomadin weiß: Bei diesen beiden Frauen ist sie gut aufgehoben.

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Auf dem Kamel zur Vorsorge - Schwangerschaft und Muttersein in der Mongolei

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