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Adam und Eva im Schlaraffenland

Eat-Art mit der Künstlerin Sonja Alhäuser in der Berufsschule Uferstr. Hamburg

Fotos: Wolfgang Huppertz | Text: Constanze Bandowski

Die Handmixer knattern, die Umluftherde brummen und durch die Lehrküche schwebt ein köstlicher Duft von frischem Brot und Frikadellen. Benjamin und Sebastian stehen vor der stählernen Arbeitsplatte. Stoisch verrühren sie Hackfleisch, Zwiebeln, Paniermehl und Eier. Die Masse ist längst fertig, aber die jungen Männer bleiben stoisch bei der Aufgabe, die ihnen die Lehrerin vor einer Viertelstunde aufgetragen hat. Gebannt starren sie in die Schüsseln, staunen, wie schnell sich die Quirle drehen und der Teig immer sämiger wird.

Benjamin, Sebastian und ihre 18 Mitschüler sind geistig behindert. Zwei Jahre lang haben sich die jungen Männer und Frauen an der Berufsschule Uferstraße in Hamburg mit den Grundlagen in Ernährung und Hauswirtschaft beschäftigt. Jetzt stehen sie kurz vor dem Ende der Berufsvorbereitung. Zum krönenden Abschluss richten sie mit ihren Lehrerinnen und der Berliner Künstlerin Sonja Alhäuser ein Buffet der besonderen Art her: einen essbaren Garten der Lüste.

„Ich hab' heute morgen schon Zwiebeln geschnitten und voll geweint", sagt Rainer. Der 19-Jährige steht mit vier Mädchen an der Arbeitsplatte und formt Hackwürstchen. Die Worte kommen ihm stoßartig über die Lippen. Seine Stimme ist tief und etwas gepresst. Rainer hat das Williams-Beuren-Syndrom, eine mehrfache Genveränderung, die ihn zwar sprachgewandt und eigenständig erscheinen lässt, ihn aber oftmals ängstlich, sorgenvoll und distanzlos macht. Während Rainer redet, schaut er kurz von seinem Blech hoch, auf dem drei Reihen Chevapcici fein säuberlich geordnet liegen. Die Mädchen rollen verträumt kleine Bällchen zwischen ihren Handflächen. „Ich hab' die Künstlerin schon gesehen", wispert Nora, die die Schauspielerei liebt, das Down-Syndrom hat und beim integrativen Theater-Projekt Eisenhans des Thalia-Theaters mitmacht.

Sonja Alhäuser betritt die Küche mit einem Pulk von Schülern im Schlepptau. In ihrer Hand trägt sie eine Papierrolle. „Jetzt kommt das Bild", sagt Nora und lächelt versonnen. Die Künstlerin schnappt sich zwei Jungs, die ihr beim Ausrollen und Ankleben helfen. Dann steht sie vor ihrem Publikum, eine zierliche Frau in Jeans und T-Shirt, die roten Haare in einem zerzausten Zopf gebändigt. „Hallo erstmal", sagt sie und blickt in die Runde. Ihre Augen sprühen, ihre Zähne strahlen. „Das ist natürlich nur eine Arbeitsskizze, um Freude zu bekommen und richtig Gas zu geben"", erklärt die Bildhauerin und Zeichnerin. „Wir müssen überhaupt nicht alles machen, aber wir können ganz viel davon umsetzen, wenn wir möchten." Die Schüler bestaunen die kunterbunte Skizze, auf der Gemüsespieße zu Bergen mutieren, Obststückchen in einen Bowle-See plumpsen und Mohrrüben als Geschnetzeltes die Wege markieren.

Sonja Alhäuser hat sich auf essbare Kunst spezialisiert. Mit ihren üppigen Banketten zu den Themen Lust, Liebe und Erotik hat sie sich auch in den USA einen Namen gemacht. Dennoch liebt die 40-Jährige das Bodenständige und bildet beispielsweise Lehrer fort. So ist der Kontakt zur Berufsschule Uferstraße gekommen. Als die Hamburger Behörden für Bildung und Kultur Ende Januar 2009 das „Jahr der Künste an Hamburger Schulen" ausriefen, bewarben sich die Lehrerinnen der Abschlussklassen mit dem Projekt „Garten der Lüste" von Sonja Alhäuser und erhielten den Zuschlag.

„Die Idee ist, das Schulgelände ganz anders zu gestalten, als ihr es gewohnt seid", sagt Sonja Alhäuser und zeigt auf die Skizze. „Unseren Kanal hier, den gießen wir aus Wackelpudding." Die Schüler johlen, einige klatschen in die Hände. „Wackelpudding", ruft Benjamin, „ist ja irre!" Hackfleischkühe liegen in Wiesen aus Kresse, Menschen aus Brotteig springen in einen See aus rotem Dipp. Die Wege entstehen aus garnierten Pumpernickeln und Crackern. Die Krönung des Schlaraffenlandes werden zwei Marzipanskulpturen bilden: Adam und Eva, die die Besucher in dem Garten der Lüste willkommen heißen werden. „Wir produzieren jetzt ganz viele Einzelteile, die wir morgen in die Landschaft setzen", erklärt Sonja Alhäuser. „Ist das okay?" Natürlich! Sofort springen alle zurück an die Arbeit. Nur Benjamin und Sebastian bekommen Rühr-Verbot. Also waschen sie ab.

In der Küche entstehen Brücken, Bäume und nackte Menschen aus Brotteig, Schafe aus Schafskäse und Butter, Muffins mit lachenden Gesichtern, Obstspieße, Häppchen, Schnittlauchringe. Den größten Spaß haben Anina, Jennifer, Madleen und Timo bei den knapp einen Meter hohen Marzipanskulpturen. Sie kichern und gackern, während sie die süße Masse um die Holzgerüste pressen und die Geschlechtsteile formen.

In der Küche herrscht reges Treiben. Im Nebenraum ruhen sich einige aus, andere rasen über den Schulhof, schleppen Tische und Buffetplatte in das Festzelt. „Ich habe noch nie so freudige Tischträger gehabt", sagt Sonja Alhäuser lachend. „Das ist hier viel künstlerischer als sonst, die Schüler haben viel mehr Freude am Prozess als andere, es ist einfach eine super Atmosphäre!" Improvisation, Austausch von Energien und fließende Arbeitsprozesse sind ihre Leidenschaft. „Ich glaube fest an Rituale und lustvolle Feste, an die man sich Jahre später erinnert", erklärt die Dozentin der Kunstakademie Braunschweig.

Die Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden ihr rauschendes Fest noch lange in Erinnerung behalten. Nach zwei Tagen harter Arbeit können sie ihr Kunstwerk am nächsten Nachmittag präsentieren. Aufgeregt begrüßen die jungen Menschen in weißen Hemden und weinroten Bistroschürzen ihre Gäste und führen sie durch die „Handwaschstraße" an Adam und Eva vorbei ins Zelt.

Andächtig stehen sie um die Tischplatte herum und betrachten ihre Berg- und Seenlandschaft. Auf dem Kanal schippern kleine Holzspanbötchen mit Liebespaaren aus Marzipan, saftige Kirschen mit grünen Blättern hängen von Brotbäumen herunter. Obst- und Gemüsespieße stecken in den Hügeln und warten nur darauf, in einen der Dipp-Seen getunkt zu werden. „Sieht einfach geil aus", murmelt Tom.

„Ihr habt eine Superenergie", lobt Sonja Alhäuser das Team. „Skulptural habt ihr viel gelernt. Jetzt geht es darum mit allen Sinnen zu essen und zu genießen. Es gibt keine Teller. Tunken, naschen - alles ist erlaubt." Zaghaft greifen die Künstler in ihr Werk. „Mmh, lecker", findet Benjamin und schleckt sich die Finger ab. Langsam fallen die Hemmungen, das Gebilde zu zerstören. Immer beherzter langen die Schüler zu, auch die Eltern können sich nicht länger beherrschen. Verzückt stopfen sie Wegplatten in die Münder und stippen Gemüse in Tzatziki. Rainer köpft grinsend seine Hackfleischkuh. Für die Stelle in der Kantine der Winterhuder Werkstätten ist er gut gerüstet, davor braucht er keine Angst zu haben.


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