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Reise zum Nordpol

Erste Winterreise der Polarstern in die Arktis

Fotos: Wolfgang Huppertz | Text: Wolfgang Huppertz

Stampfend und rollend, bei Windstärke neun einer Achterbahnfahrt auf dem Jahrmarkt gleichkommend, kämpft sich die Polarstern - das größte deutsche Forschungsschiff - trotz ihrer 20 000 Pferdestärken nur mühsam durch meterhohe Wellenberge. Der Mann auf der Brücke bleibt gelassen, fünf Meter aufwärts und in der nächsten Sekunde fünf Meter runter, Pfeife rauchend wiegt sich der wachhabende Offizier im Takt der See.

Den Wissenschaftlern an Bord geht es unter diesen Bedingungen weniger gut. Ein Drittel verbringt die ersten Tage in horizontaler Lage. Aber Klimatologen, Meteorologen, Glaziologen, Biologen müssen manchmal unter extrem unwirtlichen Verhältnissen forschen.

Am 26. Februar 1993 ist die Polarstern gegen 16:30 in Bremerhaven ausgelaufen. Ziel: Framstraße, nordwestlich von Spitzbergen. An der wissenschaftlichen Expedition - unter Federführung des Alfred Wegener Instituts - beteiligen sich Wissenschaftler aus Kiel, Hamburg, Cambridge, Bern und Uppsala.

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Das Hauptinteresse gilt den klimatischen Bedingungen in der arktischen Eisrandzone im Winter. Die bisher gewonnenen Sommerdatensätze sollen durch entsprechende Untersuchungen im Winter ergänzt werden. Forschungsfahrten in die winterliche Arktis werden - auch international gesehen - wegen der schwierigen Bedingungen selten durchgeführt.

„Das Eis der Polargebiete ist möglicherweise der Regulator unserer klimatischen Verhältnisse" hatte schon 1911 Wilhelm Brennecke, Ozeanograph bei der zweiten deutschen Antarktisexpedition, vermutet. Mit Hilfe der Messungen am Rande einer Eisscholle über offenem Wasser und über der Eisoberfläche bis in 15 Meter Höhe, sollen theoretische Modelle überprüft werden. Gerade in der winterlichen Eisrandzone treten aufgrund der großen Temperaturunterschiede zwischen Luft und Wasser außergewöhnlich starke Wärmeflüsse auf. Diese Energieflüsse aus dem Wasser können genauso groß werden wie der Energieeintrag der Sonne in den Tropen. Deshalb gehört die Eisrandzone zu den Regionen der Erde, die auf Klimaänderungen empfindlich reagieren. Und umgekehrt: Da braut sich nicht nur so manches Wetter zusammen, das gesamte Klima wird beeinflusst.

Mit durchschnittlich acht Knoten Fahrt hat die Polarstern nach sieben Tagen und Nächten am 5. März vormittags den Eisrand bei 80 Grad Nord erreicht. Schnee und Eis soweit das Auge reicht, bei strahlender Sonne und blauem Himmel eine faszinierende Landschaft, in zartes Blau getaucht, blau mit allen Variationen und Schattierungen über Türkis und Indigo zu Schwarz, tiefe Wasserrinnen zwischen den Eisschollen. Auf der Brücke erklingt „Rhapsody in blue" von George Gershwin. Die Temperatur ist inzwischen auf minus 33 Grad gefallen, der Eispanzer auf dem Vorschiff auf einen halben Meter Dicke gewachsen. Vor 100 Jahren hätte dieser „Black frost" zur Rückkehr gezwungen, wenn nicht gar das Schiff dem Untergang geweiht. 100 bis 150 Tonnen Eis, glashart gefroren ...

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