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Kastanienernte in der Schweiz

Sammeln und glücklich sein
Nach Jahren des Niederganges entdecken die Schweizer wieder ihre Kastanienkultur

Fotos: Wolfgang Huppertz | Text: Michael Netzhammer

Edo Martinelli ist was man früher einen komischen Kauz nannte. Das liegt weniger an dem in Ehren ergrauten Vollbart, nicht an der Brille, über deren Gläser er manchmal spöttisch, manchmal ernst hinüber schaut.

Seine gutmütige Verschrobenheit erschließt sich erst, wenn man den 54-Jährigen in seinem Domizil besucht. Das liegt etwas oberhalb am Berg, weit ab vom Tal mit seinen Geschäften und seiner Geschäftigkeit.

Hinauf gelangt nur, wer gut zu Fuß ist oder ein Allradgetriebenes Auto besitzt. Hier liegt seine Refugium, eine Steinhütte am Rande einer Wiese, auf der Ziegen grasen und Hühner picken und ein freundlicher Hund jeden Besucher ableckt. Umsäumt ist es von mächtigen Kastanienbäumen, deren Blätter grüngelb in der Sonne glänzen.

Wenn der Wind rauscht, fühlt man sich wie in einem grünen Paradies, bei Windstille dringt ein wenig vom Lärm der Lastwagen und Autos hinunter, die auf der Autobahn weiter oben Richtung Lugano oder St. Bernardino und St. Gotthard rasen.

Hierher hat sich Edo Martinelli zurückgezogen, nachdem der Metallbauschlosser erst seinen Beruf, seine Familie, das Haus und später auch seine Gesundheit verloren hatte. In der Abgeschiedenheit hat er seinen Frieden gefunden. Nun trägt er einen Clip am Ohr, der ihn mobil wieder mit der Welt verbindet. Dass er wieder erreichbar ist, hat mit einer Mission zu tun, die seinem Leben Halt gibt wie die Wurzeln seinen Kastanienbäumen.

Edo Martinelli blickt über die Wiese, er lauscht dem Wind und freut sich über das Konzert der Kastanien, die durch die Blätter brechen, krachend auf den Boden aufschlagen und dann durch das Gras den Hang hinunter kullern. Sofort ist da ein Impuls, die Früchte aufzuheben, sie in den Händen zu drehen und zu drücken und ihre feine Maserung zu bewundern.

Die Kastanien haben Edo Martinelli etwas von seiner kindlichen Freude zurückgegeben, ihn zurück ins Leben geholt. „Ich bin der erste Verrückte, der heute wieder das ganze Jahr über vom Kastanienanbau lebt", sagt er, blickt ironisch über seine Brille und lacht. Das stempelt ihn ein wenig zum „Aussteiger", wo doch die Kastanie nicht mehr als Lebensmittel verankert ist.

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Früher war das anders. Noch vor 150 Jahren war die Esskastanien in den Südalpen ein Grundnahrungsmittel. Nur mit der Frucht konnten die autark lebenden Bergbauern überleben. Vier bis sechs Monate aßen sie den Winter über Kastaniensuppe, Kastanienpolenta, Kastanieneintopf, geröstete und gekochte Kastanien und auch ihre Tiere bekamen Kastanien zu essen.

Viele Ortschaften in der Südschweiz heißen „Castaneda", „Castasegna" oder „Castagnola" und wie Reis in asiatischen Sprachen mit „Leben" gleichgesetzt wird, nannten die Bewohner der Südalpen den veredelten Kastanienbaum schlicht „Baum". Denn dank seiner späten Blüte konnte ihm Frost nichts anhaben. Die Kastanie ließ sich gedörrt gut konservieren, das Holz mit seinem hohen Tanningehalt eignete sich vorzüglich als Bauholz. Die Kastanie bildete ein Zahlungsmittel für Tribute und Zehnten, war Tauschwährung und diente als Witwenrente.

Bellenz, Schweiz

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