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Der Mohn ist aufgegangen

In Österreich hilft die legendenumwobene Kulturpflanze einer ganzen Region auf die Sprünge

Fotos: Wolfgang Huppertz | Text: Klaus Sieg

Andreas Greßl formt seine Hand zu einem Kelch und schüttet die Samen hinein. Rasselnd rinnt der Strom kleiner, grauer Kugeln aus der trockenen Kapsel. Schnell bildet sich ein ansehnliches Häufchen auf der rissigen Haut seiner Handfläche. „Das faszinierende ist: ich gebe einen Samen in die Erde und ernte daraus bis zu 2000.“ Lächelnd schaut der Landwirt durch seine Brille. Dann streckt er die Hand aus, unter deren Fingernägeln schwarze Erde klebt,  und verzieht das Gesicht zu einem breiten Grinsen: „Wollen Sie nach zählen?“ Hinter Andreas Greßl biegen sich die Mohnpflanzen im Wind. Ein leises Klackern ist zu vernehmen, wenn die verholzten Kapseln aneinander stoßen. Sie sind ausgetrocknet und sitzen auf dürren, etwas stacheligen Stängeln.

September im österreichischen Waldviertel. An den Bäumen hängen rote Äpfel. Der Mais steht noch auf den Feldern. Erntezeit für den Mohn. Schlafmohn wird im Waldviertel seit Jahrhunderten angebaut. Er diente als Heilmittel, aber auch als Energiespender: Im Hochmittelalter brannten die ewigen Lichter in den Kirchen mit Mohnöl. Mohn war aber vor allem Grundnahrungsmittel der einfachen Leute: sein hoher Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, an Calcium und Kalium war ein probates Mittel gegen Hunger...

Einer der Hilfskräfte lenkt den Traktor in die Holzscheune und stellt den Anhänger auf Kipp. Laut raschelnd rutsch die Ladung abgeschnittener Mohnpflanzen auf die große Plastikplane, die auf dem Boden der Scheune ausgebreitet liegt. Staub steigt auf und bricht sich im Licht der Nachmittagssonne. Nur noch im Dunst ist der Tannenhain hinter dem geöffneten Scheunentor zu erkennen. Andreas Greßl nimmt einen Strauß abgeschnittener Stängel in die Hand, hält sie mit den  Kapseln nach unten und lässt die Samen auf die Plastikplane rieseln.  „Der Schüttelmohn hat kleine Öffnungen an der Oberseite der Kapsel, durch sie kann man die Samen heraus bekommen, ohne die Kapsel zu zerquetschen. “ Gärtnereien und Blumengeschäfte sind dankbare Abnehmer der so erhaltenen Mohnpflanzen...

    Die Bauern aus dem Waldviertel haben eine breite Palette von Qualitätsprodukten entwickelt. Andreas Geßl schließt die Tür zum Hofladen auf. Was steht hier nicht alles in den Regalen? Gebäck, Schokolade, Pralinees, Seifen oder Spirituosen aus oder mit Mohn. Viele Kunden kaufen aber auch nur die Mohnsamen im Hofladen.Der Hauptmotor der Selbstvermarktung aber brummt im Keller unter dem Laden. „Das ist das Olivenöl des Nordens“, sagt Andreas Greßl und zeigt auf das feine Rinnsal, das aus der Presse der Ölmühle rinnt. In der Regalen neben der Mühle stehen lange Reihen leerer Flaschen. Sechzig Liter Mohnöl produzieren die Geißls am Tag, verkaufen es im Hofladen oder an Restaurants.

    Durch die Direktvermarktung lohnt sich der Mohnanbau im Waldviertl für die Bauern wieder. „Der Verkauf an Großbäckereien oder die Lebensmittelindustrie bringt uns nichts“, sagt Andreas Greßl. Die decken sich vor allem mit Mohn aus Indien, der Türkei, Ungarn oder Australien ein. Dort wird er preisgünstiger produziert, meist aus gequetschten Kapseln. Dieser Mohn ist in den letzen Jahren immer mal wieder in die Schlagzeilen geraten. So warnte etwa das Bundesamt für Risikobewertung vor Gesundheitsschäden durch Mohnverzehr, nachdem ein Baby nach einem Schlummertrunk aus Milch mit Mohn Atemstörungen gezeigt hatte. Schuld daran ist ein Teil der vierzig verschiedenen Alkaloide, zu denen unter anderem Morphin und Codein zählen. Sie stecken in den Grünteilen der Pflanze. Bei einigen Schlafmohnsorten sind es so viele, dass sie zur Produktion von Opium und Heroin benutzt werden. Jeder kennt die Bilder afghanischer Bauern, die grüne Mohnkapseln anritzen, um die weiße Milch für die Opiumproduktion zu gewinnen.

    Bis heute ist der Anbau von Mohn in Deutschland verboten. Die bei uns verwendeten 10.000 Tonnen pro Jahr werden importiert. Das Meiste landet in Convenienceprodukten der Backindustrie. In die Kritik geraten war vor allem Mohn aus Australien. Dort wird die Pflanze auch zu medizinischen Zwecken angebaut. Doch mittlerweile hat das Bundesinstitut für Risikoabschätzung Richtwerte für den Morphingehalt festgelegt, die von der Lebensmittelüberwachung kontrolliert werden. „Immer dieser Wirbel um den Mohn.“ Andreas Greßl verschränkt trotzig die Arme und blickt leicht genervt durch seine Brille. Schließlich bietet der Mohn ihm und seiner Region eine wirtschaftliche Perspektive. Selbst die wundervolle Mohnblüte im Juni oder Juli lässt sich vermarkten. Dann erblühen die Felder in violett, rubinrot, zartrosa oder weiß. Das Opium fürs Auge lockt jedes Jahr unzählige Touristen an, unter ihnen viele Freizeitmaler und Fotografen.  

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