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Gestrandete Seeleute

Über ein Vierteljahrhundert fuhren kapverdische Seemänner auf deutschen Schiffen und zahlten ihre Renten- und Krankenkassenbeiträge. Doch nun werden sie durch billigere und jüngere Arbeitskräfte ersetzt und die Behörde will sie ausweisen. Die Caritas unterstützt die kapverdischen Seemänner in ihrem Kampf, endlich an Land zu dürfen.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Michaela Ludwig

Die vergangenen drei Jahre sind zu einem Papierstapel geschrumpft. Auf den Briefen, Anfragen, Erklärungen und Widersprüchen stehen Termine, Stempel, Beglaubigungen und Unterschriften. Pedro Francisco de Brito zieht den Stapel aus der Plastikmappe und streicht ihn glatt.

Wie so häufig in diesen drei Jahren sitzt der Seemann im Büro der Caritas seiner Beraterin Isabel Arnedo gegenüber. „Ich war gestern wieder bei der Behörde und habe nach dem Arbeitslosengeld 2 gefragt. Sie haben gesagt, dass ich diesen Antrag ausfüllen soll“, sagt er auf Portugiesisch und blättert den Papierstapel durch. Seine Hände zittern. Endlich findet er das Formular und schiebt es über den Schreibtisch.

Dem kleingewachsenen Mann, der gerade seinen 53. Geburtstag gefeiert hat, rennt die Zeit davon. In einer Woche endet das Arbeitslosengeld 1. Einer der Briefe in seinem Stapel teilt ihm mit, dass er aus diesem Grund Deutschland verlassen muss. Francisco de Brito braucht also einen Job, um in Hamburg bleiben zu dürfen. Und eine Arbeitserlaubnis, die er nur für ein Jobangebot bekommt. Die erhält er aber nur dann, wenn kein Deutscher oder EU-Bürger diese Arbeit machen will. Um Zeit zu gewinnen, hilft Isabel Arnedo, Arbeitslosengeld 2 zu beantragen, was ihm vom Gesetz her nicht zusteht. „Deutschland ist kompliziert“, sagt der Mann von den Kapverden, einer Inselgruppe südlich der Kanaren, die schon zu Afrika gehört.
Bis vor drei Jahren ist Francisco de Brito zur See gefahren, mehr als 27 Jahre. Zuhause in seinem neun Quadratmeter großen Zimmer im Männerwohnheim am Hafen wird diese Zeit lebendig. Das Bett ist frisch bezogen und glatt gestrichen. Auf dem kleinen Tisch eine Schale mit Äpfeln, daneben Kaffeebecher und Wasserkocher. So hat er die Kombüse damals in Schuss gehalten. Alles stand an seinem Ort, war durch Gurte vor Seegang gesichert. Er hat Eisbein mit Sauerkraut für die deutsche Besatzung gekocht und die war immer zufrieden. „Einmal haben sie mich aus dem Urlaub geholt, weil ihnen das Essen vom anderen Koch nicht geschmeckt hat“, erzählt er. Ein leises, sanftes Lächeln huscht über sein Gesicht.

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Mit der S-Bahn über die Elbbrücken, ein wehmütiger Blick auf den ehemaligen Arbeitsplatz Hafen

In der Obstschale liegt ein Stapel Fotos, die Geschichten aus der guten Zeit erzählen. Als Schüler in Holland, wo er bei seiner Tante aufwuchs. Ein junger Mann im Kung-Fu-Anzug. „Pedro Karate“ haben sie ihn, den holländischen Meister, damals genannt. Eine schöne Frau im Bett. Und immer wieder ein Schiff: Die MS Coronel. „Da habe ich neun Jahre gearbeitet“, erzählt Francisco de Brito stolz. Das Bild hat er vergrößert, bis heute hängt es als Poster in der Wohnung seiner Kinder. „Sie lieben es und machen es immer sauber. So wissen sie, wo ich bin.“

Die Kinder leben auf den Kapverdischen Inseln, die er als Junge verlassen hat, um in Holland die Schule zu besuchen. Viele Männer haben in den 1970er und 80er Jahren die ehemalige portugiesische Kolonie verlassen und auf europäischen Schiffen angeheuert. Zuhause gab es in der Landwirtschaft nicht viel zu verdienen. Seine Frau Anne Rose hatte er kennengelernt, als er seine Eltern besuchte. Sie und die sieben Kinder hatten all die Jahre mit seiner Seemannsheuer ein erträgliches Leben. Er hat eine Wohnung in der Stadt, Essen und Taschengeld bezahlt. Auch Schule und Ausbildung, „das ist sehr wichtig.“ Jetzt kann er nur noch die Hälfte des Arbeitslosengeldes schicken.

Früher ist er einmal im Jahr zu ihnen geflogen. Manchmal konnte er zwei Monate bleiben. Das letzte Mal vor drei Jahren. Seitdem telefonieren sie nur noch. Einmal wöchentlich, manchmal öfter. „Ich hätte gerne mehr Zeit für die Kinder gehabt“, sagt er nachdenklich und streicht sich mit der Hand über die kurzen, graumelierten Haare, die er sich früher zu einem prächtigen Afrolook wachsen ließ. Seine Achtzehnjährige ist gut in der Schule, sie erzählte ihm kürzlich am Telefon, dass sie Tierärztin werden möchte. „Ich habe ihr versprochen, sie zu unterstützen“, sagt Francisco de Brito. „Allein deshalb muss ich eine Arbeit finden, um das zusätzliche Geld zu verdienen.“ Aber nicht auf See, denn Francisco de Brito ist seedienstuntauglich.

Begonnen hat sein Spießrutenlauf mit dem Unfall auf dem Frankfurter Flughafen, als er auf dem Rückweg von den Kapverden stürzte. Die nächsten Monate verbrachte er im Krankenhaus und im Seemannsheim in Hamburg. Schließlich implantierten die Ärzte eine Prothese ins Knie, Wochen der Reha folgten. Da er 27 Jahre lang seinen ersten Wohnsitz in Hamburg hatte und hier Steuern gezahlt hat, erhielt er erst Kranken-, später Arbeitslosengeld. Zur See darf er aber nicht mehr fahren, das hat ihm der Arzt nun bestätigt. Da seine Aufenthaltserlaubnis nur für die Tätigkeit in der Seefahrt gilt, darf er keine Arbeit an Land annehmen. Obwohl er Arbeitsagentur und Ausländerbehörde immer wieder Bestätigungen und Anfragen von Restaurantbesitzer vorgelegt hat, die den erfahrenen Koch einstellen wollen, wird ihm die Erlaubnis für die „Aufnahme einer Tätigkeit an Land“ verweigert.

Kein Weg zurück an Land

Isabel Arnedo von der Caritas kennt diese Zwangslage. Die Deutsch-Portugiesin arbeitet seit 30 Jahren für die Caritas, davor hatte sie als Studentin für die Seekasse übersetzt. All die Jahre kamen die Seemänner in ihre Beratung, wenn sie ein Problem zu lösen hatten. „Ich habe ständig etwa fünf kapverdische Seemänner in Beratung“, erzählt die energische Migrationssozialberaterin. In den 80er Jahren hatten mindestens 250 kapverdische Seemänner in Hamburg ihren ersten Wohnsitz.

Doch seitdem hat sich viel verändert. Philippinische und osteuropäische Seeleute sind für die Reedereien billiger, weil sie keine Sozialabgaben zahlen müssen. Deshalb werden sie bevorzugt. Die kapverdischen Seemänner hingegen sind älter geworden. Einige hatten wie Francisco de Brito einen Unfall oder leiden wegen der jahrelangen harten körperlichen Arbeit unter chronische Beschwerden. Isabel Arnedo hilft ihnen, in Hamburg Fuß zu fassen. „Viele Seemänner kommen jetzt in die Beratung, weil sie arbeitsunfähig sind oder keinen Job mehr finden und deshalb ausgewiesen werden sollen.“ Hinter jedem Fall verbirgt sich eine eigene Geschichte. „Wir müssen bei jedem einzelnen überlegen, wie wir ihm helfen können“, sagt Isabel Arnedo. Ihre Kenntnisse des Ausländer- und Arbeitsrechts, aber auch der Arbeitsbedingungen von Seeleuten hilft ihr dabei. Heute schreibt sie Anträge für das Arbeitslosengeld, auf Erteilung einer Arbeitserlaubnis, telefoniert mit Arbeitgebern und Behörden. „Die Sachbearbeiter sehen die Problematik, allerdings gibt es für die Fälle keine Regelung“, erzählt sie. Deshalb fordert sie die Abteilungsleiter in persönlichen Gesprächen dazu auf, ihren Ermessensspielraum zu nutzen. „Es ist einfach nicht nachvollziehbar, dass ein Mensch, der Jahrzehntelang auf deutschen Schiffen gearbeitet und Steuern und Sozialabgaben gezahlt hat, einfach so abgeschoben werden kann“, sagt Isabel Arnedo entrüstet.

Zwei Monate später: Die Aufenthaltserlaubnis von Francisco de Brito wurde um ein Jahr verlängert. Der Job, für den er nach Wochen des Wartens eine Arbeitserlaubnis bekommen hat, ging an einen anderen. Er sucht weiter. Es ist ein Kampf gegen die Zeit.


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