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Zuckersüß wie die Liebe

In der senegalesischen Hauptstadt Dakar verschmelzen Gestern und Morgen, modernes Stadtleben und dörfliche Beziehungen in einem aufregenden, pulsierenden Rhythmus.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Michaela Ludwig

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Die vor Dakar gelegene ehemalige Sklaveninsel Gorée

Trotz sengender Hitze sitzt die Wollmütze tief im Gesicht. Mit der behandschuhten Hand deutet Amadou Balde um sich. „Wenn man Dakar verstehen will, muss man Goree erlebt haben“, sagt er mit pathetischer Stimme. Schon als Junge führte er Touristen über seine Insel und verschlang danach unzählige Bücher über ihre Geschichte. Gebäude im mediterranen Stil leuchten karminrot oder ockergelb in der Morgensonne, die Fenster sind Farbtupfer in Türkis. Violette und gelbe Blumen ranken an den Fassaden. Palmen und Büsche spenden Schatten. Die Skyline der quirligen senegalesischen Hauptstadt Dakar ruht nach der 20-minütigen Fährfahrt wie eine Fototapete am Horizont. Heute geht auf der Insel Goree das Rasseln der Ketten von einst unter in Kindergesang, Vogelgezwitscher und den Rufen der Händler.

Hinter den rosafarbenen Mauern eines unscheinbaren Steinhauses nimmt der Schrecken vergangener Jahrhunderte Gestalt an. Am Ende eines engen Ganges führt eine Tür auf die Felsklippen. Durch diesen Weg ohne Wiederkehr wurden Zehntausende Männer, Frauen, selbst Kinder getrieben, um auf die vor Anker liegenden Schiffe verteilt und an ihren neuen Bestimmungsort transportiert zu werden: auf die Antillen, nach Kuba, Brasilien oder Nordamerika. Vor 240 Jahren von Holländern erbaut, steht das Sklavenhaus heute als Museum den Touristenscharen offen. Männer, Frauen und Kinder warteten hier, zusammengepfercht wie Vieh, begutachtet von den Käufern. „Sie prüften die Zähne, den Körperbau und die Muskeln und handelten den Preis aus“, erzählt Amadou Balde. „Dann wurde ihnen eine Nummer in die Haut gebrannt und sie bekamen, abhängig vom Bestimmungsort, einen neuen Namen.“

Seit Goree zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde, ist die nur 900 Meter lange und 300 Meter breite Insel zu Dakars beliebtester Sehenswürdigkeit aufgestiegen. Von UNESCO und Weltbank fließen Gelder für die Renovierung der alten Bausubstanz. Die gut tausend Inselbewohner leben heute von den unzähligen Besuchern aus aller Welt – und von der Erinnerung an eines der grausamsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Bereits im 15. Jahrhundert bauten die Portugiesen den Sklavenhandel über den Atlantik auf, der im Wechsel von Holländern, Engländern und Franzosen bis zu seiner Abschaffung vor 160 Jahren fortgesetzt wurde. Die französischen Kolonialherren blieben bis zur Unabhängigkeit des Senegals im Jahre 1960.

Das Erbe Frankreichs ist bis heute spürbar. Die Architektur der Altstadt Dakars erzählt aus dieser Zeit. So sind der alte Bahnhof, der mittlerweile in einen Dornröschenschlaf gefallen ist, oder das Théatre National Daniel Sorano im europäischen Stil erbaut. Der erste Präsident des Landes, der Dichter Léopold Sédar Senghor, hatte wie so viele Intellektuelle in Frankreich studiert und eine Französin geheiratet.

Klappriger Fahrstuhl in luftige Höhen

Sozialistisch hingegen mutet das Hotel der Unabhängigkeit an, das höchste Gebäude der Altstadt. Als es vor drei Jahrzehnten erbaut wurde, war es das supermoderne Aushängeschild der jungen, aufstrebenden Hauptstadt. An diese glanzvollen Tage kann sich der heruntergekommene Kasten schwerlich erinnern. Nur wenige Gäste verirren sich ins Hotel. Geblieben ist jedoch der Ausblick von der Dachterrasse über das endlose Dächermeer der Millionenmetropole, über den Hafen und entlang der Atlantikküste. In der düsteren Bar ein Stockwerk tiefer hält ein breiter Tresen die Stellung, die Teppiche sind jedoch abgetreten, die Sofas abgewetzt und durchgesessen. Seit über dreißig Jahren serviert Barkeeper Moudia Touré Nescafé und amerikanische Softdrinks, die er aus dem Erdgeschoss mit dem klapprigen Fahrstuhl herauf schaffen muss. „Die Räume werden in zwei Monaten renoviert“, tröstet er mehr sich selbst als die seltenen Besucher. Seinen Hals schützt der dünne, gesprächige Mann mit einem schwarz-weiß gemusterten Palästinensertuch gegen den ständigen Windzug über den Dächern der Stadt. Möglicherweise dauere es mit der Renovierung doch länger, sagt er leise beim Abschied. Die Augen blinzeln hinter den runden, verschmierten Brillengläsern.

Jeden Morgen bei Sonnenaufgang scheint sich die Stadt in einen unüberschaubaren Markt zu verwandeln. In den Auslagen moderner Design-Cafés, nur wenige Straßen hinter dem Hotel der Unabhängigkeit, locken Gebäckstückchen, Eclairs und Sandwiches die betuchte Kundschaft. Junge Frauen in Jeans und Top, Männer in Anzug und Krawatte verspeisen zum Latte Macchiato die europäischen Köstlichkeiten. Mittagshitze und Straßenstaub sind aus den unterkühlt klimatisierten Verkaufsräumen ausgesperrt. Ebenso die Lockrufe der Straßenverkäufer, die auf Decken oder gleich auf dem Arm ihr Angebot präsentieren, das von grell bunten Schläppchen für die Dame über Bücher, Dolce & Gabbana-Taschen, bis hin zu Rohrdichtungen, reicht. Oben am Sandanga-Markt wird das Angebot durch Haarteile und Perücken, Stoffberge oder Haushaltsgeräte wie Töpfe und Eimer, made in China, ergänzt.
Dies ist das Revier der Nescafé-Männer wie Mamadou, die die senegalesische Variante des „Coffee to go“ von einem Handkarren aus verkaufen. Als Tresen dient dabei eine rote Blechtonne, auf der ein junges hippes Paar lachend das köstliche Kaffeearoma genießt. Das lauwarme Wasser kommt aus der Thermoskanne, das Mixen ist Handarbeit. „Zuerst habe ich als Träger in einem Geschäft gearbeitet, aber dann sah ich die Nescafé-Verkäufer auf der Straße“, erzählt Mamadou, ein verschüchtert blickender Jugendlicher in einem bunten, wild gemusterten Batikkostüm. „Das ist ein guter Job, das wollte ich auch machen.“

Seit drei Monaten mietet Mamadou den Verkaufswagen von einem „Boss“. Jeden Tag kommen neue Jugendliche aus den Dörfern auf der Suche nach einem Job und ein bisschen Glück. Die Hälfte der Senegalesen ist arbeitslos und lebt von ein paar westafrikanischen Franken am Tag. Wenn Mamadou vor Sonnenaufgang das kleine Zimmer in der Medina verlässt, das er mit seinen Brüdern teilt, weiß er nicht, wann er abends zurückkommen wird. Und mit wie viel Geld in der zerbeulten Tasche. Der größte Teil der Tageseinnahmen geht als Geschäftsmiete an den Boss. Dennoch, die Arbeit gefällt ihm. „Hier bin ich selbständig, ich arbeite für mich und nicht für irgendeinen Chef.“

In den Nachmittagsstunden bewegen sich nur noch die Menschen auf den vollgestopften Straßen. Busse und Mofas, Geländewagen und die abgewrackten, gelb-schwarzen Taxen, deren muffiger Geruch durch die geöffneten Fenster nach draußen quillt, sind zum Stillstand verdammt. Ein jüngerer Fahrer hupt ohne sichtbaren Grund. Das lässt Oumou Gueye mittlerweile kalt. Sie sitzt in einem gelben chinesischen Kleinwagen, auf dem Dach blinkt das Schild „Taxi-Sisters“. „Die Leute regen sich ständig über uns auf. War aber schon schlimmer“, erzählt die junge Frau, die ihre Haare mit einem Tuch zurückgebunden hat, eine große Sonnenbrille auf der Nase und einen Hauch Rosé auf den Lippen trägt. „Vielleicht gewöhnen sie sich langsam daran. Was Männer können, das können wir Frauen doch auch.“

Oumou Gueye und ihre zwanzig Kolleginnen sind die ersten Taxifahrerinnen Afrikas, heißt es. Vor zwei Jahren hat die Präsidentengattin das Projekt ins Leben gerufen, um junge Frauen auf ihrem Weg in die Selbständigkeit zu unterstützen. Drei Jahre dauert es, bis die „Kutschen“ abgezahlt sind. „Dann fahren wir auf eigene Rechnung“, freut sich die 28-Jährige,  die bereits acht Monate auf der Uhr hat. Die frühere Fahrschulsekretärin ist im Gegensatz zu ihren Altersgenossinnen nicht verheiratet. Sie sei halt Feministin.

Das Konzept geht auf: Der Kundenstamm der Taxi-Schwestern wächst, sie können nur noch über die Zentrale gebucht werden. „Vor allem Frauen fahren gerne mit uns, weil sie sich bei uns wohl fühlen“, berichtet Oumou Gueye und tritt ungeduldig auf das Gaspedal. Im Senegal ist es noch immer nicht selbstverständlich, dass Frauen Unternehmen leiten. Doch das tun sie, und teilweise mit großem Erfolg. So wie die Modemacherin Collé Sow Ardo, die von ihrem Atelier in der Altstadt aus mit edlen Schnitten den afrikanischen Markt erobert hat und auch in den USA und Europa an Bekanntheit gewinnt.

In Westafrika mit dem Zentrum Dakar hat sich in den vergangenen Jahren eine quirlige, innovative Modeszene entwickelt, und eine ihrer Gallionsfiguren ist Collé Sow Ardo. Das ehemalige Modell gründete nach dem Modedesign-Studium in Paris vor 25 Jahren ihr eigenes Label. Als erste Afrikanerin erhob sie den Lendenschurz zum Kleidungsstück. Collé Sow Ardos Markenzeichen sind die - „natürlich im Senegal“ - handgewebten Stoffe. So steht sie für ein neues Selbstbewusstsein vieler Landsleute, die sich Anregungen in aller Welt, auch in Frankreich, holen, aber einen eigenen Stil entwickeln, der auf ihrer Kultur und Tradition basiert. Die zierliche Frau organisiert die alljährliche Modemesse SIRA Vision, in diesem Jahr unter dem Motto: Zurück zur Heimat. „All die Dinge, die wir konsumieren, sollten auch im Senegal produziert, und nicht importiert werden“, sagt Collé Ardo Sow. „Das wäre nicht nur billiger, sondern würde den jungen Leuten Arbeit geben. Dann müssten sie nicht mehr mit dem Schiff nach Spanien oder sonstwohin fahren.“

Wie an einer Perlenkette ziehen sich die Fischerdörfer von Dakar aus die Küste entlang. Die ersten hat die Metropole schon längst verschluckt. Dort leben die Lebou, die traditionellen Fischer, und von deren Stränden starten nachts noch immer die farbenprächtigen, über 20 Meter langen Holzschiffe, die Pirogen. An Bord kauern viel zu viele Menschen, vor allem junge, auch Frauen und kleine Kinder. Es ist eine mehrtägige Reise mit ungewissem Ausgang. Wer Glück hat, wird in einigen Wochen für ein paar Euro auf spanischen Feldern Tomaten pflücken. Wenn jedoch ein Sturm heraufzieht oder der Außenbordmotor seinen Geist aufgibt, sind sie verloren.

Im sanften Licht der Nachmittagsstunden: ein altes Gemälde mit hunderten von Pirogen, die mit ihrem Fang im Schiffsbauch an den Strand zurückkehren. Dort warten dann Ehefrauen und Schwestern, ihre bunten Gewänder und Kopftuchzipfel flattern in der Meeresbrise. Sie kaufen Doraden, Tintenfische und Barsche direkt vom Schiff und verkaufen sie weiter an die größeren Händler. Das gesamte Dorf ist auf den Beinen und der Strand wird zum Marktplatz. Allieu Gaye ist früher selbst zum Fischen hinausgefahren. Sein Traum vom Leben in Europa war vor drei Jahren geplatzt, nachdem er mit der Piroge die Kanaren zwar erreicht hatte, nur um wenige Tage später zurück in den Senegal deportiert zu werden. Da hat er sein Ölzeug an den Nagel gehängt. In Europa unerwünscht, führt er seitdem europäische Besucher in die Welt der Fischer von Kayar. „Das Fischen ist eine sehr harte Arbeit und es ernährt unsere Familien nicht mehr“, erzählt der hoch gewachsene junge Mann mit dem ebenmäßigen Gesicht. „Deshalb versuchen die Jungen, nach Europa zu kommen.“

Wie es die sprichwörtliche senegalesische Gastfreundschaft, „terenga“ in der Landessprache Wolof, erfordert, lädt er die Gäste zum Abschied auf einen „atay“, den traditionell zubereiteten Tee, ein. Die Zeremonie folgt exakt festgelegten Regeln des Aufspülens und Umschüttens, es ist alles andere als ein schneller „tea to go“. „Atay“ wird dreimal serviert, wenn man den ersten akzeptiert, ist es unhöflich, den zweiten abzulehnen. Der erste ist stark und bitter, mit wenig Zucker „bitter wie der Tod“, der zweite etwas süßer „süß wie das Leben“ und der dritte, stark gezuckert, „zuckersüß wie die Liebe“, erklärt Allieu Gueye. Im Hintergrund singt der große senegalesische Sänger Youssou N’Dour ein Duett mit der Amerikanerin Neneh Cherry über die Magie der Liebe. Nicht aus dem Radio, sondern von einem altersschwachen Laptop in der Fischerhütte. Die jungen Senegalesen suchen ihren Weg. Zuhause und in der Welt.


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