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Ein Haus mit Herz und Seele

Auf der Krim betreiben engagierte NS-Opfer und ihre Kinder ein Haus der Begegnung. Neben ambulanter Pflege und praktischer Hilfe setzt der Verein auf gesellschaftliches Miteinander und ehrenamtliches Engagement. Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ unterstützt das Projekt.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Constanze Bandowski

„Haus Hoffnung“ haben die alten Menschen ihr Vereinszentrum genannt, ein kleines Häuschen im Herzen von Simferopol mit Küche, Bad und Büro, Lagerraum für Hilfsgüter, Garage, Schatten spendendem Garten - alles gut erreichbar mit öffentlichem Nahverkehr. Es ist Dienstagvormittag und die Eingangstür steht nicht still. Die „Babuschkas“ strömen herein, lauter betagte Frauen mit faltigen Gesichtern, gebeugten Rücken und schwerem Gang. Manche tragen Kopftücher, einige gehen an Stöcken, alle strahlen. Einige Männer sind auch dabei. „Schön, dich zu sehen“, begrüßen sie sich. „Wie geht es dir?“ „Was machen die Urenkel?“ Sie blicken sich tief in die Augen, umarmen sich, verteilen Küsschen. 

„Wir alle hegen große Hoffnung“, erklärt Maria Frolowa, „daher der Name unseres Hauses.“ Die Vorsitzende der „Simferopoler Städtischen Organisation der invaliden KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter“ sitzt an ihrem Schreibtisch. Sie bedient das Telefon und begrüßt jeden Gast persönlich. Maria Frolowa ist 87 Jahre alt und steckt voller Energie. Sie ist die Seele des Vereins, kennt jedes Mitglied, hält Kontakte zu Behörden und Politikern, demonstriert gegen Neonazis und NATO und besucht als Zeitzeugin Schulen oder öffentliche Veranstaltungen. „Wir müssen über unsere Geschichte sprechen“, sagt sie. „Wenn wir einmal sterben, erinnert sich niemand mehr daran.“

Maria Frolowa wurde wie die meisten der 176 Vereinsmitglieder als junger Mensch nach Deutschland verschleppt, zu Zwangsarbeit genötigt, misshandelt, gedemütigt, erniedrigt. Im KZ erlitt sie Folter, Hunger, Todesangst. Zwischen Mai 1942 und Oktober 1943 wurden allein von der Krim rund 42.000 sogenannte Ostarbeiter nach Deutschland deportiert. Zehntausende blieben vor Ort und schufteten unter Zwang auf Tabakplantagen und in der Landwirtschaft. 

Noch heute leben auf der Krim etwa 15.000 Männer und Frauen, die im Zweiten Weltkrieg verschleppt und ausgebeutet wurden. Nach 1945 wurden sie als sogenannte Vaterlandsverräter ein zweites Mal Opfer der Verfolgung. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion konnten diese Menschen beginnen, ohne Gefahr vor Diskriminierung über ihr Schicksal zu sprechen. Es bedurfte jedoch der Initiative des „Fürstenberger Fördervereins der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück“, dass sich KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter organisierten. 

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Neben den Treffen im "Haus Hoffnung" gibt es regelmäßige Hausbesuche. Jelena Kostyljewa freut sich über den Besuch von Swetlana Gassan und Ljudmilla Ryschowa, beide Töchter ehemaliger inhaftierter Zwangsarbeiterinnen im KZ Ravensbrück

Bei der Gründung 1998 hatte der Simferopoler Verein noch weit über 200 Mitglieder. Inzwischen sind viele gestorben. Die meisten der 176 Überlebenden sind alt und gebrechlich, ein großer Teil kann die Wohnung nicht mehr verlassen. Ihr Alltag ist bestimmt von Schmerzen, Armut, Vernachlässigung und Einsamkeit. Für sie bedeuten die regelmäßigen Hausbesuche der ehrenamtlichen jüngeren Frauen Abwechslung und Zuwendung. 

Innerhalb von zehn Jahren hat der Verein ein Netzwerk von freiwilligen Koordinatorinnen über die ganze Insel aufgebaut. So können alle Mitglieder besucht und wenn nötig gepflegt werden. Die Hauptarbeit leisten jedoch Tatjana Romanenko, Ljudmila Ryschowa und Swetlana Gassan im „Haus Hoffnung“. Als Töchter verstorbener KZ-Häftlinge fühlen sie sich verantwortlich für ihre „Babuschkas“. Sie machen Hausbesuche, erledigen Büroarbeiten, waschen die Wäsche der Bettlägerigen, empfangen die Mitglieder im „Haus Hoffnung“, richten Geburtstagsfeiern aus und geben Sterbebegleitung. Zwei Mal im Jahr verteilen sie Hilfsgüter, alle drei Monate Lebensmittelpakete. Finanzielle und materielle Unterstützung kommt vom Fonds „Erinnerung und Zukunft“ sowie anderen deutschen Partnern. 

Dienstags erwacht das  Vereinshaus zum Leben. Jeder, der gehen kann, kommt und bringt eine Kleinigkeit mit. Bei Tee und Keksen, frisch geerntetem Obst oder selbstgebranntem Wodka reden die alten Frauen und Männer durcheinander, während Swetlana Gassan Blutdruck misst. Die Koordinatorinnen berichten das Neueste aus ihrem Gebiet, Maria Frolowa plant eine Stadtbesichtigung oder einen Theaterbesuch. „Unser Schicksal schweißt uns zusammen“, sagt sie.  „Wir geben uns gegenseitig Kraft.“

Simferopol, Ukraine

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