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Goldener Stoff vom Meeresgrund

Auf der sardischen Insel Sant’Antioco lebt die letzte Muschelseidenweberin der Welt. Chiara Vigo setzt sich für den Erhalt des traditionellen Kunsthandwerkes ein und kämpft für die Rettung des Mitteleeres.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Constanze Bandowski

Tief und kraftvoll erhebt sich der Gesang über die seichten Wellen des Mittelmeeres. Chiara Vigo steht barfuß am Strand. Ihre raue Altstimme begrüßt das Meer mit einer Ode an das Leben. Ohne dieses Ritual rührt die sardische Meisterin der Muschelseidenweberei keinen Faden an.
Heute muss die Arbeit in ihrem Atelier jedoch warten. Chiara Vigo will ins Rathaus von Sant’Antioco. Der Bürgermeister soll ihre Mission unterstützen. „Meine Aufgabe ist es, das Meer zu retten“, erklärt Chiara Vigo und zündet sich eine Zigarette an. Dann marschiert sie auf die Fischer zu und beschimpft sie: „Ihr zerstört mit euren Booten die Umwelt!“ Ihre dunklen Augen schießen Blitze ab, während sie den Männern vorwirft, Jungtiere abzufischen und den Fischbestand zu gefährden.

Die 52 Jahre alte Sardin dreht sich um und eilt auf Badelatschen kräftigen Schrittes Richtung Altstadt.Bürgermeister Mario Corongiu hat keine Zeit für die selbsternannte Umweltschützerin, aber die Kulturbeauftragte Daniela Ibba hört sich ihr Anliegen an. „Sant’Antioco hat ein einzigartiges Ökosystem“, doziert Chiara Vigo. „Dieses Archipel besitzt die größte Artenvielfalt des Mittelmeeres. Wir müssen endlich Schutzzonen einrichten und ein wissenschaftliches Monitoring installieren.“ Chiara Vigo fordert den strengen Schutz der Muschelbänke sowie ein nachhaltiges Tourismuskonzept, das in Kooperation mit dem Meeresbiologischen Institut der Universität von Cagliari eine Art Foto-Muschel-Safari beinhaltet. Der Plan klingt einleuchtend, denn die strukturschwache Gegend im Südwesten Sardiniens benötigt Geld und Arbeitsplätze. Tourismus könnte eine Lösung sein.

Voller Eifer kritzelt Chiara Vigo die Lage der Muschelbänke auf ein Blatt Papier und beklagt die Missachtung bestehender Gesetze. Seit 1992 steht die Edle Steckmuschel, die mit ihren Byssusfäden die Grundlage für das traditionelle Kunsthandwerk der Muschelseidenweberei bildet, unter Naturschutz, 1997 bestätigte die italienische Regierung dies per Dekret. „Es gibt dieses Gesetz, aber niemand kümmert sich darum!“, wettert die engagierte Sardin. „Dies ist eine Brutstätte nicht nur für Byssus! Hier wachsen auch Muscheln, Fische und Krebse. Ich, Chiara Vigo, will die Umwelt schützen! Ich will die Tradition der Byssusweberei für zukünftige Generationen sichern!“

Daniela Ibba gibt sich diplomatisch. „Die Muschelseidenweberei ist für uns sehr wichtig, weil sie aus einer antiken Tradition entstammt und Teil unserer Kultur ist“, entgegnet sie. „Unsere Administration will diese wichtige Ressource nutzen und den Tourismus fördern. Wir werden sehen, was sich machen lässt.“

Chiara Vigo verlässt wutschnaubend das Rathaus. Bisher ist das Eiland nur durch seine phönizischen Ausgrabungen bekannt. Und durch sie, die letzte Muschelseidenweberin der Welt. Seit einem Jahr stellt die Stadt ihrer Byssuskoriphäe den Palast „Monte Granatico“ kostenfrei zur Verfügung, doch zum Schutz des kostbaren Rohstoffes aus dem Meer wurde bisher wenig unternommen.

Chiara Vigo schließt die schwere Tür des Palastes auf und betritt den kühlen Saal. In zentraler Position steht ein hölzerner Webstuhl, davor fünf Stuhlreihen für Besucher und Kursteilnehmer. Die Hälfte des Raumes nehmen Vitrinen ein mit Urkunden, Webstücken, Fotos, alte Spindeln, Kämmen, Muscheln und Purpurschnecken. An einer Stellwand hängen Artikel über die Protagonistin aus internationalen Blättern. Auf der anderen Seite des Saales hat Chiara Vigo den Meeresgrund nachgestellt: heller Sand, Seesterne, verschiedene Muschelarten und einige Exemplare der Pinna nobilis. Endlich bekommt ihre Arbeit mit dem einzigartigen Material ein Gesicht.

Die Edle Steckmuschel steht aufrecht im Meeresgrund. Das eindrucksvolle Weichtier kann bis zu 120 Zentimeter groß werden. Damit es nicht umkippt, verankert es sich über lange Fäden im Boden. Diese Muschelseide, auch Byssus genannt, wurde seit Jahrhunderten auf Sardinien für kostbare Gewänder und Wandbehänge verarbeitet. Die Frauen gaben ihr Wissen über die feine Meeresseide an die Töchter weiter, bis das letzte Atelier in den vierziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts schloss. Durch Überfischung und Umweltverschmutzung dezimierten sich die Bestände der Pinna nobilis und die Muschelseidenweberei schlief ein.

Chiara Vigo lernte die Webkunst von ihrer Großmutter. Mereu Maddalena Rosina führte die Enkelin systematisch in die Geheimnisse und Mythen um die goldenen Fäden vom Meeresgrund ein. „Mit fünf Jahren hatte ich zum ersten Mal eine Spindel in der Hand“, sagt Chiara Vigo. „Mit zwölf begann ich zu weben.“ Später erlernte sie alle Arbeitsschritte, vom Meeresgruß über das Abschneiden der Fäden, das Säubern, Färben und Spinnen bis hin zum Abendgebet. „Byssus ist heilig“, sagt sie mit einem beschwörenden Blick. „Byssus ist das Leben.“ Mit 27 Jahren legte sie einen Schwur ab. „Wenn du die Welt liebst, schenkst du ihr etwas Schönes. Ich schenke der Menschheit meine Byssusweberei.“

Behutsam zupft Chiara Vigo ein Büschel von dem schlammfarbenen Material auf der Werkbank ab. „Bisso“, haucht sie. Wie Engelshaar liegt der Flaum auf ihrer Handfläche, weich, kaum spürbar. Er riecht enttäuschend modrig, aber dann inszeniert die Meisterin ein Spektakel. Sie geht zur Tür, hält das Büschel gegen das Tageslicht und es verwandelt sich in Gold, pures Gold leuchtet in ihren Händen! „Un miracolo!“, flüstert sie mit ihrer brodelnden Raucherstimme. Dann ist der Zauber vorbei und endlich geht es an die Arbeit.

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Chiara Vigo setzt sich an den Webstuhl, kneift die Augen zusammen und zählt die Fäden auf dem ausgebreiteten Papiermuster. „Undici, dodici, tredici…” Der Rahmen klappert, das Schiffchen saust durch das gespannte Garn, dann flicht sie das Muster mit Nadel und Byssusfaden ein. Dies wird ihre Jahres- arbeit, ein Wandteppich für das Kunst- museum in Oxford, etwa 45 mal 50 Zentimeter groß, Byssus auf Leinen, das Motiv: Baum mit Pfau.
Pro Jahr webt Chiara Vigo ein Objekt mit Meeresseide. Mehr Material hat sie nicht, denn nur einmal im Jahr kann sie die Fäden abschneiden, ohne die wenigen verbliebenen Steckmuscheln zu zerstören. Die diesjährige Ernte brachte 300 Gramm Rohmaterial. Gesäubert und gekämmt bleiben davon 30 Gramm reinster Muschelseide übrig. Das reicht gerade für den einen Wandbehang.

Chiara Vigo möchte eine Webschule gründen und damit das kulturelle Erbe ihrer Großmutter bewahren. Sie ist ein wandelndes Lexikon in Sachen Muschelseide und Textilien. Chiara Vigo stellt Garn aus Sisal, Soja, Baumwolle, Leinen oder Algarve her. Sie beherrscht 194 verschiedene Webarten und kennt 125 verschiedene Farbtöne aus Naturmaterialien. Als anerkannte Expertin hat sie das heilige Tuch der Veronika in Manoppello begutachtet und festgestellt, dass diese Reliquie aus Byssus gewebt wurde.
In ihrer Webschule könnte Chiara Vigo ihr Wissen an viele Menschen weitergeben. Das Geheimnis der Byssusweberei behält sie jedoch für die jüngere ihrer beiden Töchter Maddalena vor. Die 21-Jährige studiert Hotellerie und möchte ihre beiden Leidenschaften später miteinander verbinden: Ihr Traum ist ein Hotel, in dem die Byssusweberei einen besonderen Platz einnimmt. Wenn Maddalena bereit ist, wird sie ihrer Mutter einen Eid leisten. Bis dahin geht Chiara Vigo allein an den Strand, um ihr Tagwerk zu beenden. Wieder schallt ihr tiefer Alt über die Wellen, dieses Mal in Richtung Westen. „Deus salve Maria“, singt sie, ein altes sardisches Lied. Dann tanzt sie zum Abschied des Tages im seichten Wasser und begrüßt den Engel der Nacht.


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