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Schonzeit für kleine Fische

Weil die einst reichen Gewässer der Philippinen überfischt wurden, müssen die Küstenbewohner ihre Fanggründe nun besser managen.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Michael Netzhammer

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Domingo Legalig drückt den Anlasser. Meckernd springt der Motor an und bläst schwarzen Rauch in den Himmel. Der Chef der Küstenpatrouille steuert das Langboot in die Mitte des kleinen Zuflusses, tuckert nach Westen, ins offene Meer hinaus. Vögel erheben sich aus den Wipfeln der Mangroven. Ihr Grün bricht ab, wo das Salzwasser bei Flut eine klare Trennlinie zieht. Bei Ebbe sehen sie aus wie Büsche auf Stelzen.

Der bullige Mann mit dem jungenhaften Lächeln fährt die Küste entlang, sucht den Horizont ab und steuert dann auf die winzigen Punkte zu, die in der Ferne auf dem Wasser hüpfen. Es sind zwei Dutzend Fischer aus der Gemeinde Mahayahay, die mit ihren kleinen Einbäumen vor die Küste paddeln. Sie gehören zum Stadtbezirk Maasin, wie die orangenfarbene Kennung am Bootsrumpf deutlich macht. Die Farbe glänzt noch. Sie ist neu - wie die Anordnung der Stadtverwaltung von Maasin auf der Philippineninsel Leyte, dass Fischer ihre Boote künftig registrieren müssen. Auch das Patrouillenboot wurde angeschafft. Mit ihm will die Stadt die illegale Fischerei in ihrem Gebiet verhindern, um die Ressourcen besser zu schützen.

Legalig grüßt die bekannten Gesichter in den Booten und fragt nach dem Fang. Die Fischer lachen und präsentieren ein paar kleine Fische. „Vor zwanzig Jahren habe ich in einer Nacht dreißig Kilo gefangen, heute muss ich mit drei Kilo zufrieden sein“, sagt Eduardo Mendoza. Zwischenhändler bezahlen ihm dafür 330 Pesos, knapp fünf Euro. Damit muss er seine Frau und sechs Kinder ernähren.

Wie ihm geht es vielen entlang der philippinischen Küsten. Mit der Bevölkerung wächst die Zahl der Fischer. Mehr Netze und mehr Boote bedeuten noch weniger Fisch. Längst sind die Ressourcen überfischt. Warum? Eduardo Mendoza lacht und zuckt mit den Schultern. „Die Fischer hier wissen sehr viel über regionale Fischarten, aber nur wenig darüber wie Fangmethoden, die Zerstörung der Lebensgrundlagen und Überfischung zusammenhängen“, sagt Tim Packeiser von der GTZ, Leiter des „Coastal Fisheries Resources Management Program“.

Ressourcenmanagement – das gab es auf den Philippinen bisher allenfalls auf dem Festland. Nicht jedoch vor der Küste – wo jeder tun und lassen konnte was er wollte. Die Folgen dieser Anarchie kann man auf jedem Fischmarkt sehen. Kaum ein ausgewachsener Fisch liegt auf den Tischen. „Die meisten der bedeutenden lokalen Fischarten werden bereits gefangen, bevor die Fische gelaicht haben. So verschärft sich die Krise“, weiß der deutsche Berater für Küstenzonenmanagement. Immer noch fischen viele Filipinos mit Dynamit oder Zyanid, andere rumpeln mit verbotenen Schleppnetzen über Korallenbänke. An Land wiederum dezimieren die Menschen auf der Suche nach Feuerholz Mangrovenwälder. Alles Gründe, warum die Fischbestände immer weiter zurückgehen.

Gedanken über den Raubbau an den Ressourcen machte sich kaum jemand auf den Philippinen. Dabei leben allein auf Leyte viele der 400.000 Inselbewohner vom Fischfang. Auf dem Papier beschäftigen sich gleich zwei nationalen Behörden mit dem Küstenregionen. Allerdings agieren diese vom 700 Kilometer entfernten Manila aus und „arbeiten nebeneinander her ohne sich abzustimmen“, erklärt Tim Packeiser. Eine wirksame Kontrolle, eine effiziente Verwaltung war so nicht möglich.

Deshalb hat die philippinische Regie- rung die Verantwortlichkeiten 1998 mit dem Nationalen Fischereigesetz neu geregelt und innerhalb einer 15-Kilometerzone an die Gemeinden übertragen. „Ein sinnvoller Schritt, weil die Menschen vor Ort ein unmittelbares Interesse am Schutz ihrer Lebensgrund- lage haben und auch genau wissen, wer da mit welchen Mitteln fischt“, erklärt Tim Packeiser. Die Stadt- und Gemeindeverwaltungen sind mit der neuen Aufgabe jedoch überfordert. Sie verfügen nur über wenig qualifiziertes Personal und es stehen nicht genügend Computer, Autos und Ressourcen zur Verfügung. Außerdem fehlen Informationen und eine effiziente Struktur.
Hier setzt das Projekt an. „In einem ersten Schritt haben wir motivierte Mitarbeiter der Provinzregierung zu einem neuen „Provincial Coastal Resources Management Office“ (PCRMO) zusammengefasst und den Anforderungen entsprechend qualifiziert“, sagt Packeiser. In dieser gelungenen Umstrukturierung sieht der Berater für Kostenzonenmanagement den Schlüssel für den weiteren Erfolg.  Möglich wurde dieser Schritt, weil die Regierung von Südleyte die Bedeutung effizient verwalteter Küstenressourcen erkannte. Weshalb das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) um Hilfe ersuchte, die in einem bilateralen Vertrag vereinbart wurde. Die Kosten für das Projekt teilen sich die Regierung der südlichen Provinz von Leyte und die GTZ als ausführende Organisation.

Die kleine Einheit der Provinzregierung schult nun die Kräfte der Gemeindeverwaltungen. Dazu veranstaltet das Projekt runde Tische, an denen Fischer, Bürgermeister, Polizei und Verwaltung zusammensitzen, sowie Workshops, in denen die Mitarbeiter informiert und trainiert werden.Kein leichtes Unterfangen. Denn die betroffenen „Municipalities“ liegen weit verstreut entlang der Küste. Drei Stunden dauert die Fahrt nach Calag-itan, einem Dorf im Südosten von Leyte. Die Straße führt die Küste entlang, durch Wälder und Dörfer, die an den steilen Abhängen zu kleben scheinen. Vorbei an Reisfeldern und Wiesen, vorbei an Felsabstürzen und Asphaltresten, die einmal Straße waren und von Regengüssen fortgerissen wurden.

Calag-itan liegt versteckt unter Palmen. Aneinander gereihte Hütten aus Bambus und Kokosblättern entlang der Bucht. 256 Familien leben hier. Winzige Wellen rollen auf den Strand. Boote liegen in der Sonne. Im Schatten sitzen Männer. Sie rauchen, spielen Karten und diskutieren über den Fang der letzten Nacht. Ein idyllischer Anblick. Doch das Paradies ernährt seine Bewohner nicht mehr.

Seit sie an einem Workshop teilgenommen haben, wissen die Bewohner auch warum, erzählt Florencio Pan. Seit 40 Jahren fährt der 50jährige aufs Meer hinaus. Anfangs kam er morgens mit zehn Kilo zurück, heute sind es nur noch ein bis zwei Kilo. Als er noch jung war, wuchsen Mangroven zu beiden Seiten der Bucht. Die sind verschwunden. Inzwischen aber stecken wieder kleine Setzlinge in der matschigen Erde. „Wir versuchen die Mangroven wieder aufzuforsten“, sagt er. Weil Fische, Muscheln, Krabben Rückzugsgebiete benötigen, Wurzeln und Astwerk der Pflanzen als eine Art Kinderstube für Meerestiere gelten. Genau wie die Korallenbänke vor der Küste. Wer aber zu ihnen hinabtaucht, der blickt auf nackten Stein. Nur vereinzelt finden sich die verästelten und bewachsenen Kalkgebilde, die kleinen Fischen Schutz gewähren. Zerstört mit Dynamit. Zerstört von Schleppnetzen wie sie nur große Schiffe ziehen können. Boote über drei Bruttoregistertonnen, die von fernen Häfen aus die Küste abgrasen und zerstörte Landschaften hinterlassen. Fischen dürfen Boote dieser Größenordnung innerhalb der 15-Kilometerzone nicht. Weshalb die Gemeinde nun ebenfalls ein Patrouillenboot einsetzen will.

„Als wir ihnen erklärten wie wichtig Mangroven und Korallen für den Fischbestand sind, staunten die Fischer als wäre ihnen ein Geist erschienen“, erzählt Armando Gaviola vom Projekt. Statt es wie in anderen Gemeinden dabei zu belassen, reagierten die Fischer. Gemeinsam beschlossen sie, die Hälfte aller Korallenbänke – fast 15 Hektar - unter Schutz zu stellen. Wer das Fangverbot innerhalb der Zone verletzt, muss bis zu 15 Euro Strafe bezahlen. Verletzt er das Verbot das dritte Mal, wird sein Boot konfisziert.

„Eigentlich müssten wir den Fisch so lange in Ruhe lassen, bis sich die Bestände wieder erholt haben, doch viele von uns leben vom Fischfang“, sagt Fischer Pan. Wo möglich unterstützt das Projekt die Fischer bei der Suche nach Alternativen. In Calag-itan züchten viele inzwischen Algen. Die gedeihen Dank der geographischen Lage der Bucht ganz prächtig. Florencio Pan war der erste. Stolz zieht der hagere Mann eine seiner Leinen aus dem Wasser, die etwa 50 Zentimeter unter der Oberfläche im Wasser schweben und die er mit Hilfe von Plastikflaschen und Schnüren am Grund fixiert hat. Jede der Nylonleinen misst 200 Meter, alle zwanzig Zentimeter schweben kleine Algenbüschel im Meer. Algen der Sorten „Eucheuma Cottonij“.

Die wachsen in 45 Tagen zu einem kleinen Wald heran. Aus ihr gewinnt die Industrie „Carrageenan“; eine Art Gelatine und Zusatzstoff, die Lebensmittel, Kosmetik- und Pharmaindustrie benötigen, der in Zahncremes, Gummibären, Lotionen und Eiscreme zu finden ist. Die Philippinen sind der weltweit größte Exporteur von Carrageenan und die weltweite Nachfrage wächst jährlich um fast zehn Prozent.

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Inzwischen züchten in Calag-itan 25 weitere Familien Algen. Einmal alle zwei Monate fährt Florencio Pan nach Tacloban, wo er die getrockneten Algen für 32 Pesos das Kilo, rund 50 Eurocent, verkauft. Das letzte Mal 700 Kilo. Das nächste Mal sollen es nach dem Willen von Pan und den anderen in der neu gegründeten Kooperative 1.000 Kilo sein.
Die Bewohner aus Calag-itan haben Glück. Mit der Algenzucht haben sie eine alternative Einnahmequelle. Die fehlen in anderen Gemeinden. Algen zum Beispiel benötigen frisches, klares Wasser: Ihr Anbau lohnt nur, wo das Wasser nicht zu tief, die Fischer die Leinen auch tauchend auf dem Grund fixieren können.
Allerdings sind viele Fischer auch noch nicht offen gegenüber den Neuerungen. „Manche verschließen lieber die Augen als sich mit der Realität zu konfrontieren“, weiß Armando Gaviola. Hier setzen die Mitarbeiter von Tim Packeiser auf Aufklärung. Sie sensibilisieren die Bürgermeister und Gemeinderäte, trainieren verantwortliche Angestellte in den Gemeinden und bringen die Fischer an einen Tisch. Sie unterstützen Gemeinden, wenn diese Schutzzonen ausweisen oder die Fischerei regulieren wollen.

Dazu benötigen sie einen langen Atem. „Dass die Gemeinden selbst in ihre Ressourcen investieren und ihre Fischbestände pflegen müssen, das ist auf den Philippinen völlig neu“, weiß Gaviola. Das braucht Zeit. Doch viel davon bleibt den Bewohnern und Gemeinden entlang der philippinischen Küsten nicht. Sie müssen den bisher freien Zugang zum Meer reglementieren, größtmögliche Schutzzonen einrichten, die Mangrovenwälder wieder aufforsten und die Küstenzone kontrollieren. Das verlangt von Menschen Opfern, die ohnehin von der Hand in den Mund leben; für eine Dividende, die erst in einigen Jahren eingestrichen werden kann. Alternativen dazu gibt es jedoch nicht. Dieser Prozess hat allerdings auch Vorteile. Weil die Küstenbewohner künftig die Bedeutung intakter Korallenbänke oder Mangrovenwälder für ihr Leben besser einzuschätzen wissen. Und weil sie dieses Wissen auf lokaler Ebene zu Sachwaltern einer nachhaltigen Bewirtschaftung werden lässt.


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