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Die Zedern sollen Früchte tragen

Nach Jahrzehnte langer Diskriminierung kämpfen die indigenen Völker in Russland für ihre Rechte – mit demokratischen Mitteln, den Waffen der Justiz und mit ganzem Herzen.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Constanze Bandowski

Irina Soloducha hat das Leiden satt. Viel zu lange musste sie mit ansehen, wie die Männer im Dorf dem Alkohol verfielen. Wie die Kinder Hunger litten, die jungen Leute ohne Perspektiven blieben. Ihr Bruder Sergej, 19 Jahre, Schulabschluss, nach dem Militärdienst: arbeitslos. Ihre kleine Schwester Galina, 23 Jahre, zwei Kinder, Schneiderin: arbeitslos. Die Nachbarn: arbeitslos. Nur Tatjana, ihre Tante, arbeitet als Dorfärztin. Für umgerechnet gerade mal 111 Euro. Die braucht sie auch, um ihre beiden Töchter aufs Internat in die Hauptstadt Gorno Altaisk zu schicken. Nur durch Bildung, das ist klar, können die Menschen in Kebezen ihrem Schicksal entfliehen.

Irinas Heimatdorf Kebezen ist ein verfallenes Nest im letzten, südwestlichen Winkel Sibriens, kurz vor der Grenze zur Mongolei und zu China. Kinder spielen zwischen Gänsen und Schweinen im Schlamm, die Männer torkeln über die matschige Lehmstraße oder hocken mit glasigen Augen auf Baumstümpfen. Müde blicken sie über die schäbigen Lattenzäune, wo zerschlissene Wäsche auf der Leine hängt. Die Frauen halten Haus, Hof und Kinder zusammen. In Kittelschürzen und mit Kopftüchern stapfen sie durch die Gemüsegärten, schleppen Wassereimer von Brunnen, Flüssen oder Seen zu ihren Hütten. Sie kochen, putzen und nähen, füttern Gänse und Schweine und schuften im Haushalt, obwohl viele von ihnen einen eine Ausbildung haben. 

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Auflösung der Kolchosen stieg die Arbeitslosigkeit in der Bergrepublik Altai enorm. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebt heute unterhalb des Existenzminimums, ernährt sich ausschließlich von der Ernte aus dem eigenen Garten, vom Fischfang oder von der Jagd. Auf dem Land ist die Armut extrem und unter den ethnischen Minderheiten nimmt sie horrende Zahlen an. 

Irina Soloducha ist Tubalarin. Mit knapp 2.000 Menschen gehört dieses Volk zu den kleinsten ethnischen Gruppen Russlands. Offiziell anerkannt im staatlichen Register der „kleinen Völker“ der Russischen Föderation. Bedingung für die Registrierung: weniger als 50.000 Angehörige. In der Region Altai und der gleichnamigen unabhängigen Bergrepublik erfüllen vier weitere Gruppen dieses Kriterium: die Telengiten, die Tschelkanen, die Kumandiner und die Schoren. Lediglich das Volk der Altaier übersteigt die magische Schwelle und wird damit niemals in den Genuss von Minderheitenrechten kommen – sollte die russische Regierung diese jemals umsetzen.

„Ich will, dass unsere Rechte anerkannt werden“, sagt Irina Soloducha mit fester Stimme. Deshalb hat sie nach ihrer Ausbildung zur Buchhalterin den Job gewechselt. Seit 2004 leitet die heute 28-Jährige das Informationszentrum der Indigenen Völker der Altai Republik, Birlik. Per Fernstudium hat sie nebenbei den Abschluss in Jura gemacht. Das Zentrum liegt in einem Wohnblock in der Hauptstadt Gorno Altaisk. Es ist eine normale Wohnung, ausgestattet mit Küche, Bad, einem Sitzungsraum und einem separaten Zimmer zum Übernachten, zwei Computern, Internetzugang und Telefon. Hier engagieren sich kämpferische Frauen und Männer, die wie Irina Soloducha die Nase voll haben und ihre gesetzlich verankerten Rechte mit aller Macht einfordern.
Birlik bedeutet Einheit, der Name ist Programm. „Wir wollen die Stimmen der Gemeinschaften stärken“, sagt die Büroleiterin. Heute hat sie einen Termin im Wirtschaftministerium der Bergrepublik Altai.  Die Direktorin trägt Nadelstreifen. Lobbyarbeit gehört ebenso zum Berufsalltag wie Netzwerkbildung, Öffentlichkeitsarbeit und die sechswöchige Ausbildung von Multiplikatoren. 78 Männer und Frauen haben das sogenannte Praktikum in Menschenrechtsfragen seit 2004 durchlaufen, 12 davon im vergangenen Jahr. Möglich wird dies durch finanzielle und inhaltliche Hilfe aus Deutschland. Die Aktion „Hoffnung für Osteuropa“ der evangelischen Kirche unterstützt insgesamt vier Informations- und Fortbildungszentren für die Urvölker der russischen Föderation in den abgelegenen Regionen Karelien, Krasnojarsk, Kemerow und eben in der Bergrepublik Altai.

„Unsere Arbeit ist sehr effektiv“, sagt Irina Soloducha, während sie nach dem Termin mit dem Wirtschaftsminister ihr Handy einschaltet und zurück ins Büro eilt. „Über die Jahre haben wir eine effektive Zusammenarbeit mit den Behörden entwickelt.“ Zu Beginn wurden sie nicht einmal angehört. Heute sind sich Politiker und Beamte immerhin darüber bewusst, dass Minderheitenrechte existieren.

Der Verkehr brummt gemächlich über die zwei Straßen von Gorno Altaisk. Mit 53.500 Einwohnern bleibt die Hauptstadt überschaubar. Holzhäuschen ducken sich im Schatten sanfter Hügel. Blaue Fensterrahmen, Sommerblumen und Kartoffelpflanzen gaukeln ländliche Idylle vor. Doch das Leben ist auch in der Stadt knallhart, nicht nur im eiskalten Winter. Die meisten Städter wohnen in engen Plattenbauten, viele sind arbeitslos. Sie halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser oder verkaufen Kartoffeln, Rote Beete und Kräuter an den Straßenecken.
Im Büro warten schon elf ehemalige Praktikanten. Die meisten sind aus ihren Heimatdörfern nach Gorno Altaisk gereist, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. „Ich habe mich nach dem Praktikum gefühlt wie ein kleines Kind, das erwachsen geworden ist“, sagt Keminé. Die 35-jährige Fernsehredakteurin hat den Kurs gerade beendet und will jetzt ein Studio gründen, das Dokumentationen auf altaiisch produziert. Marina arbeitet an einer Ausstellung über die Beteiligung der Telengiten im Zweiten Weltkrieg und Ljubowa hat die Genehmigung für ein Restaurant in traditioneller Bauweise erhalten, in dem sie telengitische Gerichte anbieten wird.

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Angler an einem Fluss in der Nähe von Kebezen

Die Männer aus Kosch Agatsch wollen ein kulturelles Zentrum aufbauen und sanften Tourismus fördern. Der abgelegene Bezirk an der mongolischen Grenze gehört zu den ärmsten Gegenden der russischen Föderation. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern liegt bei 37 Jahren, der Alkoholismus ist hier besonders verbreitet, den Jugendlichen fehlen Vorbilder und Orientierung. Aber Juri nimmt eine deutliche Veränderung wahr: „Als ich nach meinem Militärdienst wieder nach Hause kam“, berichtet der 23-Jährige, „hatten die Leute plötzlich brennende Augen. Sie haben wieder Ziele und Träume und setzen ihre Ideen um.“ Juri und seine Kollegen aus dem Praktikum haben erfolgreich Mittel von den Vereinten Nationen eingeworben. Ihre Gemeinschaft hat ein Tourismusunternehmen gegründet. „Telengit Etnotur“ will Besuchern das Nomadentum der Telengiten nahe bringen. So hoffen die jungen Männer, die Umwelt zu schützen, ihre Kultur zu erhalten und gleichzeitig Perspektiven für die Bevölkerung zu schaffen.
Brennende Augen bekommt auch Ludmila Kydatowa, wenn sie von ihrem erfolgreichen Kampf gegen ein Energieunternehmen erzählt, dem die Behörden 2002 die Lizenz für den Bau eines Hotelkomplexes auf dem Festplatz der Tubalare genehmigten. „Natürlich ohne Anhörungsverfahren oder Einflussmöglichkeiten der indigenen Bevölkerung“, sagt sie und winkt ab. Vetternwirtschaft und Korruption sind in Russland allgegenwärtig.

Ludmila Kydatowa sitzt an ihrem Küchentisch im Dorf Jogatsch und blickt durch den morschen Fensterrahmen: „Die Sicht verändert sich ständig“, murmelt sie und rührt bedächtig in ihrer Kaffeetasse. „Jetzt nach dem Regen ist alles ganz dunkel.“ Tiefschwarz liegt der Teletskoje See unterhalb des Gartens. Seicht schwappen die Wellen an den Steg, wo Nikolai, ihr Mann, das Ruderboot zum Fischen klarmacht. Vielleicht hat er heute Glück. Vielleicht macht er einen guten Fang. Noch hat die Urlaubssaison nicht begonnen. Wenn die Reichen aus Novosibirsk, Tomsk oder gar Moskau den heiligen See erobern, plündern sie mit ihren elektronischen Angelrouten den Fischbestand und verpesten das Wasser. Dabei soll der Teletskoje bei Sonnenschein aus seinem tiefsten Innern heraus funkeln wie Gold. Nach dem nächtlichen Gewitter hängen jedoch graue Wolkenberge in den gegenüberliegenden Hügeln, verwandeln Zedern, Fichten und Laubbäume in düstere Schatten.

„Die Taiga spricht“, sagt Ludmila, „die Bäume reden miteinander. Man muss nur genau hinhören.“ Ihre Großeltern konnten das noch: mit Bäumen reden, Zedernnüsse sammeln, Pferde züchten, Hirsche und Zobel jagen. Sie sprachen tubalarisch und ernährten sich von dem, was die Natur am Fuße des Altai-Gebirges zu bieten hatte. Ludmila beherrscht nur noch Bruchteile ihrer Muttersprache, ihre halbwüchsigen Söhne gar nichts mehr.

Stalin hatte mit seiner Russifizierung durchschlagenden Erfolg. Selbst im abgelegenen Sibirien mussten die indigenen Völker seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ihre traditionelle Lebensweise aufgeben, ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Namen. Fortan hießen sie Ludmila, Sergej oder Marina und arbeiteten überwiegend im sowjetischen System der Kollektivwirtschaft, ihre Kinder gingen auf staatliche Internate. Bis alles zusammenbrach. Dann kam die Öffnung, die Wirtschaftskrise, die Arbeitslosigkeit. Durch die Arbeit von Menschenrechtsorganisationen wie den vier Informationszentren von Hoffnung für Osteuropa entwickelt sich jedoch die Zivilgesellschaft und damit auch ein feiner Keim neuen Selbstbewusstseins innerhalb der Urbevölkerung.

„Wir wussten ja nicht einmal etwas von der Dekade der indigenen Völker“, schimpft Ludmila, richtet sich auf, streift das Jeanshemd mit den Pailletten glatt und kneift die schmalen Augen noch enger zusammen. Ihre goldenen Schneidezähne funkeln, während sie sich in Rage redet. Die Haut über den hohen Wangenknochen rötet sich. 35 Jahre musste sie alt werden, das war 2004 am Ende der Dekade, die die Vereinten Nationen 1993 zugunsten der indigenen Völker ausgerufen hatten, um mitzubekommen, dass ihr als Tubalarin besondere Rechte zustehen. Dass Russland internationale Abkommen unterzeichnet hat. Dass die Verfassung den Schutz traditioneller Lebensweisen und bestimmte Privilegien garantiert. Ludmila kennt die jeweiligen Paragraphen: Artikel 9, 27, 69, 71, 72. Per Fernstudium studiert sie im dritten Semester Jura, um diese Rechte auch durchzusetzen. „Es gibt ein Verfassungsrecht auf wahrheitsgetreue Informationen, aber wir haben Jahre lang nichts von all dem erfahren.“

Das Praktikum bei Birlik über Recht, Netzwerkbildung und Persönlichkeitstraining gab Ludmila Kraft und Mut, im Frühjahr 2004 aktiv zu werden. Sie versammelte die Anwohner, klärte sie über ihre Rechte auf, verteilte Unterschriftenlisten, schrieb Briefe und E-Mails und bereitete einen Appell an Präsident Lapschin vor, der das Dorf zum Fest der heiligen Zeder besuchte. Zusammen mit anderen Praktikanten verklagte sie das Unternehmen und bekam in der dritten Runde Recht. Der Gemeinschaft der Tubalaren „Altyn-Kyol“ wurde ein Stück Land zugesprochen. Die Firma muss den Bau eines indigenen Kultur- und Informationszentrums finanzieren. In zwei Jahren soll es fertig sein.

Ludmila zeigt mit dem Finger über den See auf ein Stück grüne Wiese. „Dort drüben wird es entstehen“, sagt sie. Plötzlich beginnt sie zu kichern und erzählt von ihrem größten Triumph: „Am Ende des Prozesses sagte der Chef der Firma zu mir: ‚Solche Leute wie sie zeigen uns, wie Demokratie funktioniert.’“

Der Weg zur Demokratie ist lang, doch die Zeit drängt. „Wenn wir unsere Kultur jetzt nicht schützen, drohen unsere Völker auszusterben“, weiß Ludmila. Noch leben die Alten, die die Sprachen, Legenden, Sitten und Bräuche weiter geben können. Noch ist die Natur halbwegs intakt, aber der Tourismus und der wachsende chinesische Markt für Zedernnüsse zerstören immer schneller weite Landstriche. Die Taiga wird abgeholzt und wenn der heilige Fluss Katun tatsächlich für ein gigantisches Wasserkraftwerk gestaut wird, bedeutet dies das Ende vieler Dorfgemeinschaften. So kämpfen die Leute von Birlik weiter. Ludmila will sich gegen die Verseuchung des Teletskoje Sees einsetzen und fordert Umweltauflagen für den Betrieb von Fischer- und Ausflugsbooten. Ihre Söhne sollen schließlich auch einen guten Fang haben.

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