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Marseiller Seife

In der Provence wird in einem Jahrhunderte alten Verfahren Seife hergestellt, die eine eingeschworene Fangemeinde auf der ganzen Welt begeistert.

Fotos: Wolfgang Huppertz | Text: Klaus Sieg

Es blubbert und dampft. Blasen steigen auf,  zerplatzen schwerfällig an der Oberfläche der grünbraunen, zähen Flüssigkeit. An den Rändern der großen Kessel bilden sich Rinnsale und Lecknasen. Christian Squitieri schöpft eine Probe, steckt seinen Finger hinein und leckt an der  erkalteten Paste. „Wir probieren immer wieder“, sagt der Seifenmeister und pliert durch seinen beschlagene Brille. „Piekt es auf der Zunge, ist noch zu viel Soda in der Seife “, erklärt der Südfranzose.

Sollte eine Werbeagentur jemals auf die Idee kommen, eine Seifenwerbung im Stile des Jack Daniels Trailers zu filmen: die Manufaktur Marius Fabre  in Salon-de-Provence wäre der richtige Ort dafür. Auf dem Hof der kleinen Fabrik wachsen Pinien, Oleander, Stechpalmen und kleine Olivenbäume im Schatten großer Platanen. Auf dem alten Mauerwerk  rankt Wein. Von den Fensterläden blättert die Farbe ab, verrostete Kessel und  Maschinen stehen herum. „Außer den Computern haben wir nicht viel erneuert“, sagt Madame Bousquet Fabre,  Geschäftsführerin und Enkelin des Firmengründers - und freut sich an ihrer Übertreibung.

Seit der Firmengründung Ende des 19. Jahrhundert wird bei Marius Fabre die Seife nach dem Reinheitsgebot von Ludwig dem 14.  hergestellt. Nur pflanzliches Öl durfte nach dem Willen des Sonnenkönigs in den Kesseln der Sieder rund um Marseille brodeln, ohne tierische Fette, Farb-, Konservierungs- oder andere Zusatzstoffe.

Rund 750 Tonnen dieser Bio-Seife verlassen pro Jahr die Hallen von Marius Fabre, dank Ökoboom und geschickter Vermarktung konnte sich das Unternehmen bis heute halten. Das Naturprodukt enthält 72 Prozent Olivenöl aus zweiter Pressung, der Rest besteht aus Wasser und einer Spur Natrium.  Gut die Hälfte davon wird exportiert, vor allem nach Deutschland, Japan und in die USA. Das Naturprodukt lässt erahnen, warum Seife bis ins Mittelalter eher zu medizinischen und kosmetischen Zwecken benutzt wurde, denn zur profanen Reinigung. Sie bildet einen cremigen Film auf der Haut und verströmt einen einfachen, erdigen Duft.

Doch wie entsteht aus Olivenöl Seife? Zunächst wird das Öl mit Natriumlauge auf 100 bis  120 Grad erhitzt. Das Soda spaltet das Öl in Glycerin und Fettsäuren. Die Masse köchelt bis zu zehn Tage vor sich hin. Mehrmals wird die brodelnde Paste mit Wasser und Meersalz gewaschen. Die Natriumlauge setzt sich dabei auf dem Boden des Kessels ab. Die Prozedur wird so lange wiederholt, bis die Mischung stimmt und die Seife eine feste Konsistenz annimmt.    

In einem der fünf Kessel bei Marius Fabre brodeln bis zu dreißig Tonnen Rohmaterial. Dampf steigt durch die kaputten Dachziegel in den blauen Himmel der Provence.  Alle zwei Wochen wird die Seife aus dem Kessel gelassen. Sie fließt durch eine grobe Holzlade in den Trocknungsraum.   Der Seifenmeister und sein Gehilfe ziehen die Lade quietschend durch den Raum, um die Felder des rund zwanzig Zentimeter hohen Betonbeckens aufzufüllen.   Zwei Tage trocknet   die Paste. „Im Sommer öffnen wir die Fenster, damit der Mistral die Trocknung beschleunigt“, erklärt Christian Squitieri. Dann schneiden die beiden Männer mit einer Art Pflug rund 35 Kilo schwere Blöcke aus der Masse. Einer zieht mit gekrümmten Rücken das grobe Werkzeug, während der andere die Schneide unter lautem Ächzen in die grüne Seifenmasse drückt.

Die Blöcke landen bei Boutahha, einem Arbeiter algerischer Abstammung. Er schiebt sie durch eine Schneidevorrichtung mit quadratischen Feldern aus Draht. So entstehen fast einen halben Meter lange Stangen von rund 10 Zentimetern Dicke. Boutahha rundet mit Spachtel und Daumen die Kanten ab, nimmt  Hammer und Messingstempel von der schmierigen Werkbank und stanzt mit einem lauten Klacken das Gütesiegel der Manufaktur in die Seifenstange. Vorsichtig legt er sie auf ein Holzregal. Dort trocknet die Seife weiter. Einige Stangen krümmen sich dabei wie Fische auf dem Land. Die Seifen verlieren bei der Trocknung noch einmal zehn Prozent Wasser. Am Tag fertigt Boutahha dreihundert dieser Stangen, die Kunden zerteilen sie sich zu Hause mit einem Stück Draht in handliche Stücke.

Ob er seinen Job mag? „Zumindest brauche ich zum Waschen keine Seife“, lacht Boutahha und hält seine Hände hoch. Die sind verschmiert mit einer zähen, grünen Patina. Die Anhänger der Seife bezahlen zwischen fünfzehn und zwanzig Euro für ein Kilogramm. Boutahha hingegen spült sie rasch  von seinen Händen, damit er schneller zum Mittagessen nach Hause kommt.

68 Boulevard du Roi René, 13100 Aix-en-Provence, Frankreich

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