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Friedhofskinder in La Paz

La Paz liegt auf 3.600 Metern Höhe und ist damit eine der höchstgelegenen Städte der Welt. Hier ist auch der Regierungssitz von Bolivien. Der Zentralfriedhof von La Paz ist mit einer Fläche von 14 Hektar eine Stadt für sich. Neben Mausuleen, Kapellen und Einzelgräbern befinden sich die meisten Grabnischen in mehrstöckigen Bauten, manche haben bis zu zwölf Stockwerke. Kinder wie Erwachsene finden hier Arbeit.

Fotos: Michael Kottmeier | Text: Constanze Bandowski

Christian Flores hat Kundschaft. Endlich! Viel zu lange schon ist er mit seinem Eimer und den Putzlappen über den Friedhof geschlendert, hat Leute angesprochen und Blickkontakt aufgenommen. Aber niemand konnte einen Grabputzer gebrauchen. Jetzt kommt eine ältere Dame auf ihn zu. Ziemlich vornehm sieht sie aus in ihrem blauen Hosenanzug und der hellen Seidenbluse. In der Hand trägt sie einen Strauß weißer Strohblumen, lachfarbener Nelken und zartrosa Lilien. „Hilfst du mir?“, fragt sie freundlich. Christian nickt. Schnell flitzt er zu Mayra, die an der Ecke Leitern verleiht, schnappt sich eine hellblaue und eilt damit zu der Grabstelle.

„Dort liegt mein Vater“, sagt die Dame. Sie heißt Kiky García und zeigt auf eine der oberen Grabnischen des langen Betonbaus. Dieses „Totenhaus“ hat sieben Stockwerke und es ist 40 Nischen lang, das sind ungefähr zwanzig Meter. In Bolivien werden die Toten in Särgen oder Urnen in solch kleine Löcher geschoben, dann kommen eine Mauer und die Grabplatte davor. Ganz vorne bleibt etwas Platz für Vasen, Bilder oder kleine Gegenstände, die für den Toten im Leben einmal wichtig waren. Bei Kindern sind das oft Stofftiere, Autos oder Puppen.Christian lehnt die Leiter an die Wand und klettert hinauf. Vorsichtig öffnet er die Glasscheibe, nimmt die schwere Bronzevase aus der Nische und reicht sie Frau García. Dann wischt er mit Zeitungspapier den Schmutz aus dem Kämmerchen. „Alles muss schön sauber sein“, murmelt er. Mit dem Lappen reibt er die Grabplatte an der Wand ab. „Alejandro Ramos“ steht darauf. „Geboren am 13.5.1935“, „gestorben am 1.11.1960“, lange, bevor Christian auf die Welt kam. Er ist zwölf Jahre alt und geht in die sechste Klasse der Oberschule. Nach dem Unterricht fährt er mit dem Bus auf den Zentralfriedhof von La Paz. In dieser riesigen Stadt der Toten verdient er sich das Geld fürs Essen, für Hefte, Stifte und etwas zum Anziehen.„Ich arbeite hier, weil ich mir Sachen kaufen will“, sagt Christian, während er gründlich die Vase poliert. „Die Arbeit ist nicht so anstrengend. Manchmal verdiene ich 60 bis 80 Bolivianos am Tag.“ Das sind fünf Euro fünfzig bis sieben Euro zwanzig, ein ziemlich guter Verdienst. Heute, am Sonntag, hat er allerdings nur 23 Bolivianos eingenommen - zwei Euro in sieben Stunden! Das reicht gerade für vier Mahlzeiten. Morgen ist wieder Schule, da kann er nur vier Stunden arbeiten. Christian seufzt und blickt an sich hinunter. Die Turnschuhe haben ein Loch am großen Zeh, die Jogginghose ist viel zu groß und schlabberig. Auf seine schicke Trainingsjacke ist er jedoch stolz. Die hat er sich selbst verdient.Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas. Sechs von zehn Bolivianern leben in Armut. Viele Kinder müssen arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen. Der bolivianische Kinderrechtsverband DNI (Internationale Verteidigung des Kindes) schätzt, dass mehr als die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen im Land arbeiten. Sie putzen Schuhe, verkaufen Süßigkeiten, Zeitungen oder Gemüse, helfen den Eltern bei der Arbeit oder verdienen sich ihr Geld wie Christian und Mayra auf dem Friedhof.„Ich bin hier groß geworden“, sagt Mayra Arias. Ihre Mutter hat sie schon als Kleinkind mit hierher genommen. Für die Elfjährige ist es ganz normal, zwischen all den Gräbern und Toten zu sein. In den Winkeln und Gassen kann man hervorragend Verstecken spielen. Wie als Beweis rasen fünf Jungen mit wehenden Rucksäcken und Plastiktüten vorbei. Sie lachen, johlen, fluchen und scheren sich nicht um die Trauerprozession, die zwei Ecken weiter durch die Gasse zieht.„Ich habe hier keine Angst“, sagt Mayra und wundert sich über die Frage. Zum Spielen hat sie wenig Zeit, denn sie hilft der Großmutter beim Leiterverleih. Weil es in Bolivien kaum Arbeit gibt, ist ihre Mutter nach Brasilien gegangen, der Vater arbeitet in Peru. Mayra lebt mit ihrem kleinen Bruder bei der Oma. Vormittags geht sie zur Schule, danach isst sie in einer Straßenküche und dann beginnt die Arbeit auf dem Friedhof. „Ich kenne viele Gebete“, erzählt Mayra. „Das Ave-Maria, das Vater Unser – manchmal bete ich für die Leute. Aber heute ist nichts los. Da helfe ich der Großmutter.“ Eine Familie tritt auf sie zu, der Vater nimmt eine Leiter und trägt sie weg. Eine Frau schleppt eine andere zurück und drückt Mayra einen Boliviano in die Hand. 26 Leitern hat die Großmutter. Mayra muss Acht geben, dass keine davon verschwindet.

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Christian steht immer noch auf der Leiter und wienert das Fenster von Alejandro Ramos’ Grab. Christian ist erst seit einem Jahr auf dem Friedhof. Ätze und Poliercreme hat er sich noch nicht besorgt. Also spuckt er auf das Zeitungspapier und rubbelt die Scheibe kräftig ab. Frau García hat die Blumen in die Vase gesteckt und reicht sie hoch. „Weiter links“, weist sie den Grabputzer an. „So ist es recht.“ Dann schließt Christian das Fenster, wickelt das Schloss sorgfältig in ein Tuch und eine Plastiktüte gegen Regen. Fünf Bolivianos bekommt er von Kiky García, einen davon gibt er Mayra für die Leiter. Dann geht er nach Hause und liefert stolz sein Geld bei den Eltern ab.

Los Andes, La Paz, Bolivien

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