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Was so in der Elbe treibt

Für die Einen ist Treibgut Abfall, für die Anderen Kunst oder Fetisch - entscheidend ist, wer es findet.

Fotos: Michael Kottmeier | Text: Klaus Sieg

Früher lockten Küstenbewohner mit falschen Leuchtfeuern Schiffe an den Strand, um sich deren Ladung an zu eignen. Heute ist Treib- beziehungsweise Strandgut vor allem ein Fall für die Entsorgung – außer es gerät in die Hände von Liebhabern.„Mit diesem Stück fing der Wahnsinn richtig an.“ Frank zeigt auf ein wahres Monstrum aus Holz. Die Oberfläche ist zernarbt von Spalten, Mulden, Löchern und Splittern, durch die Mitte geht ein langer Riss. Fast als schwebe er, hängt der Holzbalken nur an zwei Stiften befestigt an der Wand, die in seiner Rückseite eingelassen sind. „Nadelhölzer reißen oft so auf“, sagt Frank und lässt seinen Blick lange auf dem Stück ruhen, fast als hätte er es gerade erst gefunden. Dabei hängt es schon eine ganze Weile in seinem kleinen Laden Tide in der Rothestraße, zusammen mit unzähligen anderen Treibhölzern. Die Vielfalt ist verblüffend. Sie sind leicht und dünn wie ein Bleistift, dick und klobig wie ein Poller oder lang und schwer wie ein Baumstamm. In einigen Hölzern stecken verrostete Nägel.  Andere Stücke sind von tiefen Kerben und Schlitzen gezeichnet. Nicht wenige  sehen aus, als wenn sie eine Ladung aus einem Schrotgewehr getroffen hätte. „Erstaunlich sind die verschiedenen Größen der Wurmlöcher, einige sind wirklich sehr dick.“ Frank wiegt ein federleichtes Stück in der Hand. Es ist so zerfressen, dass seine Außenwand nur hält, weil es von einem dürren Gerüst aus Holzresten gestützt wird.

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Seit zwanzig Jahren lebt Frank in Hamburg. Bei Spaziergängen an der Elbe fing er an, kleine Stücke zu sammeln. „Man behält etwas zwischen den Fingern, dann landet es auf dem Armaturenbrett des Autos und wandert schließlich auf die Fensterbank zu Hause.“ Schließlich wurde daraus eine Art Profession. An den Stücken in der Tide hängen kleine Schilder, mit Preisen bis zu dreihundert Euro. Frank sammelt regelmäßig, fährt mehrmals im Jahr an Nord- und Ostsee und ist einige Male in der Woche an der Elbe unterwegs, am Strand oder irgendwo im Hafen. Wo genau bleibt Betriebsgeheimnis. „Treibholz ist geschliffen von den Elementen, die Natur allein hat aus einem meist profanen Stück ein Kunstwerk geschaffen.“ Frank legt einen Schrubberkopf auf den Tisch. Die Ecken sind weich und rund, die silbriggraue Oberfläche hart und geschlossen, als wenn eine Politur die Holzmaserung verschließen würde. Unterbrochen wird sie von einem gleichmäßigen Raster aus Löchern, aus denen noch einige ausgefranste Borstenreste vorstehen. Nicht jedes Stück Treibholz findet den Weg in die Tide. „Es muss schön aussehen und mich irgendwie berühren.“ Die Ästhetik,  nicht die unbekannte Geschichte des Treibgutes macht für den Sammler den primären  Reiz aus. Trotzdem interessiert sie ihn. „Neulich lag eine ganze Reihe baugleicher Teile über den Strand verteilt, da überlegt man schon, ob die vielleicht zu einer Brücke gehört haben und wo die wohl gestanden hat.“

Frank steigt in seinen Geländewagen. Auf der Fußmatte liegt heller Sand, hinten Bettzeug für seine längeren Touren ans Meer. Durch den alten Elbtunnel geht es an den Spreehafen in Wilhelmsburg. Dort hat Frank vor kurzem ein langes Stück versteckt, das er nicht gleich mitnehmen konnte. „Wenn man ein Stück findet, bekommt etwas zunächst Wertloses eine Bedeutung und dann muss man es auch haben.“ Im Schritttempo fährt er oberhalb der Böschung entlang. Unten liegt eine Reihe von Hausbooten. Außer einigen Plastiktüten, die sich in den Büschen verfangen haben, liegt kaum etwas herum. Franks Stück ist verschwunden. Dafür  findet der Sammler schließlich ein anderes, das ihm gefällt. Frank blickt dem Güterzug nach, der über die Brücke am gegenüber liegenden Ufer rattert. „Irgendjemand muss hier aufgeräumt haben.“

Das war Ingo Rosenau. Der Einsatzleiter der Stackmeisterei hat vor kurzem im Spreehafen mit seinem Team die gesamte Böschung gereinigt, nachdem ein Hausboot gesunken war und sich allerlei Unrat über den Hafen verteilt hatte. Stackmeisterei ist ein historischer Name. Ein Stack ist ein Wellenbrecher, der in neunzig Grad zur Küstenlinie gebaut wird. Doch mittlerweile haben die 75 Mitarbeiter der Stackmeisterei andere Aufgaben. Sie warten die Schiffzeichen auf der Elbe, baggern Hafenbecken frei und sind für die Pflege und Befestigung von 160 Kilometern Böschung in Hamburg zuständig. Da fällt einiges an Treibgut an. „Schätze sind da aber keine bei“, sagt Bernd Haettich, der Vorgesetzte von Ingo Rosenau. Die beiden Männer sitzen in Haettichs Büro. Der Blick aus dem Fenster geht über den kleinen Hafen der Stackmeisterei in Finkenwerder. Dort liegen in Leuchtfarbe gestrichene Schuten neben Pontons mit Baggern und anderem Spezialgerät. 

Auf der Kaimauer lagert ein fast zehn Meter langer Balken aus feinstem Kiefernholz, der mit einer Schicht aus Moos überzogen ist. Am Kopf ist ein Blechschild mit der Nummer Acht angenagelt. Der Balken stand als Streichpfahl, auch Dalbe genannt, irgendwo im Hafen. Auch Hölzer dieser Stärke gammeln irgendwann ab oder werden von Schiffen abgefahren und treiben dann im Fluss. Bekommt die Stackmeisterei darüber Meldung, von einer Hadag-Fähre oder der Wasserschutzpolizei, läuft sofort ein Spezialschiff aus. „So ein Balken kann für kleine Schiffe sehr gefährlich werden“, erklärt Bernd Haettich. Größere Pötte hingegen drücken ihn durch ihre Verdrängung aus dem Weg. Meist finden Ingo Rosenau und seine Leute solche Dalben oder auch entwurzelte Bäume an den Böschungen, wo sie das Hochwasser ablädt. Doch das ist längst noch nicht alles, was so in der Elbe treibt oder liegt. „Die haben wir alle in einem Hafenbecken gefunden, an das man direkt heranfahren kann.“ Ingo Rosenau grinst und zeigt auf ein Foto, auf dem ein Knäuel aus Motorrädern zu sehen ist. „An anderen Stellen bergen wir mit unserem Tauchboot viele Einkaufswagen und am Fischmarkt häufig Autos.“ Ausgefallenes gibt es besonders nach starken Unwettern. Nachdem ein Tornado über Harburg gewütet hatte zum Beispiel ein ganzes Blechdach einer Industriehalle und zahlreiche Sportboote, die sich losgerissen hatten. Auch leere Container werden manchmal ins Wasser geweht. In Alarmbereitschaft war die Stackmeisterei nach der großen Elbeflut bei Dresden. Sogar Behälter der Abdeckerei standen für Tierkadaver bereit. Doch das meiste Treibgut blieb am Elbesperrwerk von Geesthacht hängen. Ein Haupteinsatzgebiet für die Stackmeisterei ist der Elbstrand zwischen Övelgönne und Wedel. Ein Baggerlader schiebt einen großen Haufen aus Schilf, Bierflaschen, Plastikplanen oder Holzstöckchen am Strand beim Leuchtturm Wittenbergen zusammen. „Um so etwas müssen wir uns am häufigsten kümmern“, sagt Ingo Rosenau. Der Haufen verströmt einen feucht-modrigen Geruch. Beim genaueren Hinsehen entdecken wir eine Bambussprosse. Und dann geht das Phantasieren doch los. Wurde die Sprosse von der japanischen Küste in die Elbe getrieben? Hat ein Hochwasser in Bangladesch sie aus dem Boden gespült? Oder hat sie der chinesische Koch eines Containerschiffes aus dem Bullauge seiner Kombüse geworfen? Ganz schön anregend, so ein Treibgut.

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