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Europa wirft sein Netz aus

Knapp jeder zweite in der Europäischen Union verspeiste Fisch wird außerhalb der EU-Gewässer gefangen. Im Senegal findet seit 30 Jahren ein beispielloser Ausverkauf des Grundnahrungsmittels Fisch statt. Mit verheerenden Folgen für die Kleinfischer und ihre Familien.

Fotos: Karin Desmarowitz | Text: Michaela Ludwig

Der Hamburger Fischmarkt in Altona - der für Händler, nicht die sonntägliche Touristenattraktion, - öffnet seine Tore gegen Mitternacht. Michael Steier und seine Männer stehen an der Rampe und nehmen Styroporkisten mit weitgereister Ladung aus den Lkws entgegen: Neben Seezunge oder Scholle aus Nord- und Ostsee sowie Kabeljau aus dem Nordostatlantik schleppen sie Exoten in den Verkaufsraum: Seit die hiesigen Bestände in den vergangenen Jahren immer weiter geschrumpft sind, finden zunehmend Tintenfisch und Dorade, Oktopus und Barsche aus dem Atlantik vor Westafrika ihren Platz auf Einkaufslisten und Speisekarten zwischen Hamburg und München. 

Drinnen streifen die Kunden durch den langen Verkaufsgang. Fischhändler aus Norddeutschland und Gastronomen, die bis von Berlin her anreisen, um den Thunfisch möglichst frisch zu kaufen, inspizieren das Angebot. Der schnauzbärtige Inhaber eines portugiesischen Restaurants fragt nach Zackenbarsch, doch der ist heute nicht vorrätig. „Den kann ich Ihnen für nächsten Mittwoch beim Großhändler bestellen“, sagt Michael Steier, der den gleichnamigen Hamburger Traditionshandel in vierter Generation leitet.

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Anlandung von frischem Fisch am Strand von Kayar an der senegalesischen Küste

Das Handy piept. Knapp 5000 Kilometer südlich von Hamburg steht Ibrahima Diop zwischen Waagen, Kistenstapeln und Männern, die gelangweilt Zahlen in ihre Taschenrechner tippen. Der überdachte Platz ist der Fischmarkt von Kayar. In dem traditionellen Fischerdorf, dessen Häuser sich an einer Sandpiste die Bucht entlang ziehen, leben rund 5000 Fischer mit ihren Familien. Der große, etwas stämmige Mann blickt auf das Display. „Thiof. Zu jedem Preis“, lautet die Bestellung des Exporteurs, in dessen Auftrag er hier ist.

Noch ist Ibrahima Diop, einer der ganz großen Zwischenhändler in Kayar, entspannt. Jeden Nachmittag fährt er mit dem Transporter voller Eisstücke auf der Landstraße von der Hauptstadt Dakar nach Kayar und kauft hier im Auftrag des Exporteurs Zackenbarsch, Thiof, wie er auf der lokalen Sprache Woloff heißt, verschiedene Tintenfischarten, Dorade, Barsche, - alles, was die Europäer innerhalb der nächsten zwei Tage auf dem Tisch haben wollen. Weil das senegalesische Gesetz den exportierenden Unternehmen verbietet, den Fisch direkt von den Fischern zu erwerben, arbeiten sie mit Zwischenmännern wie Ibrahima Diop, die den Fang von kleineren Händlern kaufen.

Die Geschäfte liefen schon mal besser. Der Geschäftsmann erzählt von früher, den Investitionen und Gewinnen, die er damals gemacht hat. Wenn er spricht, gestikuliert er wild, das Mobiltelefon hält er dabei fest in der Hand. „Das Problem ist, dass das Angebot immer kleiner wird“, sagt er und hebt wie zum Beweis das Handy in die Höhe. „Die Kunden zahlen heute Preise, von denen wir früher nur geträumt haben. Doch was nützt es, wenn ich nicht mehr genug Fische bekomme.“

Im Jahr 2007 verkaufte der Senegal Fische und Meeresfrüchte im Wert von knapp 180 Millionen Euro in die Europäische Union. Das sind 60 Prozent seines gesamten Fischerei-Exports. Der Meeresstreifen vor der westafrikanischen Küste, der sich von Marokko im Norden über den Senegal, Guinea, Sierra Leone im Süden erstreckt, galt jahrhundertelang als eines der fischreichsten Reviere weltweit. Doch weil die Europäer immer mehr Fisch essen, aber gleichzeitig die Bestände in ihren eigenen Meeren, der Nord- und Ostsee, im Mittelmeer und Nordatlantik schrumpfen, benötigen sie neue Fanggründe. Deshalb schließt die Europäische Union seit 30 Jahren im Rahmen ihrer Gemeinsamen Fischereipolitik so genannte Fischereiabkommen mit Entwicklungs- und Schwellenländern ab. Das erste Partnerland überhaupt - war der Senegal. Gegen Zahlung einer Entschädigung erlaubte das Abkommen den europäischen Trawlern, in senegalesischen Hoheitsgewässern zu fischen. 

Die Meeresbiologen vom Forschungszentrum für Ozeanographie in Dakar - Thiaroye CRODT warnten bereits Mitte der 90er Jahre vor einer Ausbeutung der Fischbestände in senegalesischen Gewässern. Damals errechneten sie, dass die von senegalesischen Fischern, EU-Flotte und asiatisch-senegalesischen Unternehmen gefangenen Mengen um bis zu 40 Prozent das Maß des ökologisch Vertretbaren überschritten.

Erst im Jahr 2006 lief das letzte Abkommen aus und wurde nicht verlängert. Ob die Zahlen der Wissenschaftler zusammen mit den Protesten der senegalesischen Kleinfischer für diese Entscheidung ausschlaggebend waren oder schlicht die Tatsache, dass die schrumpfenden senegalesischen Fischbestände für die Europäer nicht mehr interessant genug waren, ist umstritten. Fest steht jedoch, dass hochwertige Bodenfische wie Seezunge, Barsche oder Meerbrasse, aber auch Shrimps, Langusten, Oktopus und Tintenfische heute stark bedroht sind. Dennoch: Auch nach dem Fischereiabkommen ist die Nachfrage nach senegalesischem Fisch und Meeresfrüchten ungebrochen.

Weil ihre Preise steigen, gehen viele, im Senegal beliebte Fischarten direkt in den Export. Die Folgen für die Fischer, aber auch für die Senegalesen im ganzen Land sind gravierend. Denn Fisch ist nicht nur an den Küsten neben Reis das Hauptnahrungsmittel und zudem wichtigster Eiweißlieferant. Für die Versorgung der Bevölkerung bleiben nur die international weniger vermarktungsfähigen Arten wie Sardinen und Makrele übrig. „Wir können hier wie überall beobachten, dass die Nahrungskette hinunter gefischt wird“, erläutert Meeresbiologe Birane Samb vom CRODT. „Zunächst ging es um die Bodenfischarten und Raubfische, inzwischen sind auch die Bestände von Arten wie Makrele und Sardine bedroht.“ Heute sind es spanische und asiatische Industrieschiffe, die unter senegalesischer Flagge fahren – und eine Flotte von rund 13.000 Pirogen, also einheimischen Kleinfischern, die die letzten Bestände gefährden.

Im Fischerdorf Kayar wartet Ibrahima Diop noch immer unter dem schattenspendenden Wellblechdach des Fischmarktes. Unten am weißen Strand der kilometerlangen Bucht landen die ersten Pirogen. Von allen Seiten schwärmen Männer, Kinder und Frauen herbei, deren leuchtend bunte Gewänder in der Meeresbrise flattern. Ibrahima Diop wird langsam unruhig. „Wir hatten zwei Wochen Sturm und es war zu gefährlich für die Fischer, hinauszufahren“, erzählt der Händler. „Heute ist der erste Tag, an dem es wieder Fisch gibt.“

Für die Fischer von Kayar ist die starke Nachfrage aus Europa Fluch und Segen zugleich. Anders als in den Nachbarländern fangen senegalesische Fischer nicht nur für den Eigenverbrauch, sondern verkaufen auch an Ausfuhrunternehmen. Immerhin stammen 60 Prozent des exportierten Fischs von Netzen und Haken der Kleinfischer! So könnten auch sie von den steigenden Preisen profitieren – wenn nur das Meer noch genug Fisch bereit hielte. Die Konzentration auf den Export zeigt seine Auswirkungen auf die kleinen Fischereien: Die Zeit der seit Generationen nach festen Regeln arbeitenden Familienunternehmen droht abzulaufen.

Für Mor Gaye war der Arbeitstag wenig ergiebig. Der junge Fischer umklammert den Steuerknüppel des Außenbordmotors. Unter Vollgas lenkt er die bunt bemalte Piroge durch die schäumende Brandung an den Strand. Ein Sprung über die Bordwand und er und sein Kollege stehen bis zu den Hüften im Wasser. Dann schieben sie das Holzboot die letzten Meter bis zum Ufer. Männer und kleine Jungen packen an und wenige Augenblicke später ruht das Fünf-Meter-Boot oben am Strand. Die Fischer sind enttäuscht. Seit sechs Uhr sind sie auf dem Wasser und haben gerade mal einen Tintenfisch gefangen. Ein Zwischenhändler greift das Tier am Kopf und hebt es empor. Körper und Greifarme baumeln herunter wie ein schlaffer, glibberig-glänzender Sack. Kurz austarieren. „3,8 Kilo“, murmelt der Händler und reicht Mor ein Bündel Scheine. 7000 CFA, umgerechnet 10,70 Euro. Zu wenig, wenn die Ausgaben für Diesel und die Rücklagen für Boot und Material abgezogen sind.

Während die Männer auf das Meer hinaus fahren, sind die Frauen für den Handel zuständig. Doch auch Mors Großmutter Djeube Ka bringt heute weniger Geld nach Hause als früher. Im wehenden gelben Kleid, einem voluminösen Tuch um den Kopf und mit einem Eimer in der Hand wandert sie zwischen den Booten am Strand entlang und hockt sich zu einer Gruppe Frauen, den Schwägerinnen, Schwestern und Cousinen, auf ihren Eimer. Früher haben sie hier auf die Rückkehr ihrer Männer und Söhne gewartet und ihnen den Fang direkt am Ufer abgekauft.

„Die Geschäfte laufen immer schlechter“, bestätigt Djeube Ka. „Seit so viele Händler hier sind, die Fisch für den Export kaufen, können wir nicht mehr mithalten.“ In der Geldbörse, die sie unter dem weiten Gewand hervorzieht, stecken gerade 25.000 westafrikanische Franc CFA, das sind 38 Euro. Die großen Zwischenhändler, die für Ibrahima Diop auf Einkaufstour gehen, investieren dagegen bis zu einer Millionen CFA am Tag, über 1500 Euro. Heute sind es die Händler aus der Stadt, die ihrem Enkel den Tintenfisch abkaufen. Die Frauen jedenfalls werden bis zu den Abendstunden nur einzelne Fische kaufen und verkaufen. „Ob ich mit Gewinn nach Hause komme, weiß ich nicht. Es ist wie ein Glücksspiel“, sagt Djeube Ka.

Von den Einnahmen aus dem Fischverkauf muss die über achtzigköpfige Großfamilie versorgt werden. „Es wird jedes Jahr schwerer, genug Geld für Lebensmittel, Schulbedarf, Kleidung und Arztbesuche zusammenzubekommen“, erzählt Djeube Ka. Zum Glück sei zwei Söhnen die Reise nach Europa gelungen.  „Ohne deren Geld wüssten wir nicht, wovon wir leben sollen“, sagt sie. „Die Fischerei allein reicht nicht mehr.“

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Morgens ab vier Uhr verlassen hunderte der bunt bemalten Pirogen den Strand von Kayar

Anders sieht es für die Besitzer der großen, 20 Meter langen Pirogen aus, die weiter unten am Strand landen und Schwarmfische wie Sardinen und Makrelen fangen. Viele gehören reichen Geschäftsleuten aus Dakar. Als „Investitionseinheiten“ bezeichnet sie Michael Vakily, der im Auftrag der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (gtz) die westafrikanische Fischereikommission CSRP berät. „Auch diese großen Unternehmen werden zur Kleinfischerei gezählt. Die sind jedoch so zahlreich und leistungsstark, dass sie heute die Ressourcen bedrohen“, so der Fischereiexperte. Und das nicht nur im Senegal. „Oft sind die Boote eine ganze Woche unterwegs“, berichtet Michael Vakily. „Dann geht die Reise auch schon mal in die Nachbarländer des Senegals, wo die Bestände noch nicht so überfischt sind.“

An Arbeitskräften mangelt es nicht. Als Kapitäne werden ehemalige Fischer angeheuert, die Besatzung besteht aus jungen Männern aus dem Binnenland. Während der Holzriese noch in der Brandung rollt, wuchtet die Mannschaft Kiste um Kiste über die Bordwand. Träger schleppen die 50-Kilo-Boxen in atemberaubendem Tempo auf ihren Köpfen den Strand hinauf, während das Salzwasser an ihnen hinab rinnt. Sie werden pro Box bezahlt. An guten Tagen können diese Pirogen, die weit draußen paarweise mit einem mehrere hundert Meter langen Netz fischen, bis zu 25 Tonnen Hochseefisch an Land bringen. So viel ist es heute nicht, dennoch ist der Fischberg am Strand bereits enorm.

Pferdewagen jagen den Strand hinunter, hoch beladen mit Motoren und Netzen, Benzinkanistern und Tauwerk, und wirbeln Sandwolken auf. Ein Gefährt transportiert Fischkisten mit Kurs auf jenen Platz am Dorfrand. Dort sind auf Trockentischen einzelne Sardinen ausgebreitet. Die Räucheröfen sind leer. Hier regieren die Frauen, denn die Weiterverarbeitung liegt seit jeher in ihren Händen. Sie salzen, trocknen und räuchern nicht für den Export, sondern für die Kundschaft im eigenen Land. So ist der Fisch über Monate haltbar und wird in jedes noch so abgelegene Dorf im Senegal und in die Nachbarländer Mali und Burkina Faso gebracht.

Doch mittlerweile ist auch dieser zweite Geschäftsbereich der Frauen gefährdet. Sockna Matindao ist die Präsidentin des Verbandes der 230 Fischverarbeiterinnen von Kayar, eine freundliche Frau mit stolzem Blick. „Die Männer konnten nicht zum Fischen rausfahren, deshalb fehlt uns der Nachschub“, beschwert sie sich. Die Händler seien bereits beunruhigt. Heute kann die Produktion endlich wieder anlaufen. Doch immer häufiger, wenn die Preise zu hoch klettern, haben sie auf dem Fischmarkt beim Einkauf das Nachsehen gegenüber den Fabrikanten aus Dakar.

Für die meisten Senegalesen sind die wertvolleren Fische nicht mehr erschwinglich. Die Fischbeilage im Nationalgericht Thiboudienne besteht heute meist aus Sardinen, und nicht wie in früheren Jahren aus Thiof, dem Zackenbarsch. Selten, dass der Lieblingsfisch noch in Kayar und den anderen Fischerdörfern gefangen wird, deshalb nennen sie ihn den „Geldfisch“. „Wenn wir einen Thiof gefangen haben, dann essen wir ihn nicht selbst, sondern verkaufen ihn“, erzählt der junge Fischer Mor Gaye. „Wir brauchen das Geld.“

Der Zwischenhändler Ibrahima Diop wird heute Abend lediglich fünf Zackenbarsche beim Exporteur in Dakar abliefern. Die werden gut gekühlt morgen ihren Flug nach Europa – vielleicht mit dem Ziel Hamburger Fischmarkt, - antreten.

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Kayar im Senegal, etwa 50 km nordöstlich von der Hauptstadt Dakar gelegen

In dem traditionellen Fischerort, dessen Häuser sich an einer Sandpiste die Bucht entlang ziehen, leben rund 5000 Fischer mit ihren Familien. Alles im Ort ist auf den Fischfang ausgerichtet. Die hochwertigen Speisefische gehen über ausländische Weiterverarbeitungsfabriken in Dakar in den Export nach Europa.


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